23. November 2020

Interview: Kinderarzt Dr. Sven Volkmuth zur Vorsorge in Corona-Zeiten

Die Corona-Pandemie hat bei Eltern, insbesondere von Frühchen, zu Unsicherheit in Bezug auf den Besuch beim Kinderarzt geführt. Dr. med. Sven Volkmuth ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin aus Essen. Im Interview erläutert er, warum Schutz und Vorsorge auch jetzt besonders wichtig sind und wie mit der Corona-Pandemie in seiner Kinderarztpraxis umgegangen wird.

Welche Bedenken oder Sorgen von Eltern ihrer kleinen Patienten sind Ihnen durch die Corona-Pandemie begegnet, was den Arztbesuch betrifft?

Dr. Volkmuth: Zu Beginn des Corona-Ausbruchs wurden zunächst viele Termine abgesagt, auch zur Vorsorge oder zum Impfen. Die Angst, sein Kind oder sich selbst im Rahmen einer Routineuntersuchung anzustecken, war sehr groß.

Welche Maßnahmen haben Sie ergriffen, um die Sicherheit Ihrer Patienten in Bezug auf eine Ansteckung mit dem neuen Coronavirus beim Besuch in Ihrer Praxis zu gewährleisten?

Dr. Volkmuth: Wir haben viele Abläufe in der Praxis neu organisiert und die Hygienevorkehrungen angepasst. Bei der Terminvergabe sorgen wir dafür, dass die Patienten nicht zu nah hintereinander in die Praxis kommen. Noch bewusster als vorher achten wir darauf, dass die ganz kleinen und sehr sensiblen Kinder, zum Beispiel Frühchen, einen Termin am Ende der Sprechstunde erhalten. Das Wartezimmer bzw. der Wartebereich wurden anders organisiert, sodass sich nun weniger Eltern und Kinder in einem Raum aufhalten. Dadurch, dass wir zwei Eingänge in der Praxis haben, können wir sogar die Versorgung von kranken Kindern bzw. COVID-19-Verdachtsfällen räumlich trennen. Auch bei der Arbeit in unserem Team achten wir darauf, Schnittpunkte so weit wie möglich zu reduzieren.

Gibt es generelle Empfehlungen vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e. V. (BVKJ), die in Kinderarztpraxen umgesetzt werden?

Dr. Volkmuth: Ja, es wurden zum Beispiel sehr schnell Hygienekonzepte herausgebracht oder der Hinweis auf das Tragen von Mund-Nasen-Schutz und darauf, dass versetzt gearbeitet werden soll, gegeben. Der BVKJ ist sehr gut organisiert. Viele Maßnahmen, etwa das Stethoskop nach jedem Patienten zu desinfizieren, sind unabhängig von der Corona-Pandemie zudem ohnehin Standard im Praxisalltag.

Wie nehmen Sie Eltern von Frühgeborenen in diesen besonderen Zeiten die Angst vor einem Arztbesuch?

Dr. Volkmuth: Die Sorge um das eigene Kind ist zunächst einmal sehr verständlich. Mit Information und Aufklärung sorgen wir in unserer Praxis dafür, Ängste abzubauen und Unsicherheiten aus dem Weg zu räumen. Wir informieren darüber, welche Maßnahmen in der Praxisorganisation für Sicherheit sorgen. Die Aufklärung, damit wichtige Vorsorge- und Impftermine nicht vernachlässigt werden, ist ein weiterer Punkt. Wir haben auf unserer Internetseite, über Facebook, mit den Aushängen in der Praxis und natürlich im persönlichen Gespräch mit den Eltern darauf aufmerksam gemacht.

Bei den Eltern von Frühgeborenen kann die Sorge noch eine andere Dimension haben. Wenn ich merke, dass Bedenken da sind, thematisiere ich das und frage, was ihnen Bedenken bereitet. Auf der anderen Seite kann ich an die Eltern nur appellieren, Ängste auch selbst direkt beim Kinderarzt anzusprechen, damit gemeinsam eine Lösung gefunden werden kann.

Was sollten Eltern vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie beachten, wenn ihr Kind ein erhöhtes Risiko für Infektionen wie etwa mit dem RS-Virus hat?

Dr. Volkmuth: Abstands- und Hygieneregeln sind besonders wichtig. Empfehlenswert für den bevorstehenden Winter ist es etwa, mit dem Kind Orte mit vielen Menschen zu meiden, um Infektionsrisiken zu senken. Es sollte auf Hygiene, wie das gründliche Händewaschen vor Kontakt mit dem Kind, geachtet werden. Regelmäßiges Lüften oder auch täglich mit dem Kind rauszugehen kann dazu beitragen, dass die Atemwege nicht übermäßig belastet werden.

Sollten alle Vorsorgeuntersuchungen für Kinder- und Jugendliche trotz der Corona-Pandemie erfolgen?

Dr. Volkmuth: Wir empfehlen dringend, alle Vorsorgeuntersuchungen fortzuführen. Die Prävention gerade im jungen Kindesalter dient dem vorzeitigen Aufdecken von Entwicklungsstörungen. Nur so kann frühzeitig interveniert werden. Das Zeitfenster dabei ist entscheidend. Je kleiner die Kinder sind, desto wichtiger ist die zeitnahe Durchführung der Vorsorgeuntersuchungen.

Betrifft das auch Impfungen oder Prophylaxe-Maßnahmen wie z. B. eine passive Immunisierung gegen das RS-Virus?

Dr. Volkmuth: Bei Impfungen gilt das Gleiche wie bei den Vorsorgeuntersuchungen. Auch hier sollten die planmäßigen Impftermine eingehalten werden. Bei der passiven Immunisierung gegen das RS-Virus ändert sich ebenfalls nichts. Es ist genau definiert, welche Kinder zur Risikogruppe für eine Infektion bzw. einen schweren Krankheitsverlauf gehören. Das ist die Entscheidungsgrundlage, ob diese Vorsorgemaßnahme infrage kommt. Für das RS-Virus gibt es zudem eine Saison, ähnlich wie bei der Grippe. Sie beginnt im November und geht etwa bis April des Folgejahres. Mit einer Prophylaxe sollte daher früh begonnen und diese dann ausreichend lange fortgeführt werden.

Das neue Coronavirus hat momentan eine sehr große Aufmerksamkeit, doch Infekte durch andere Viren und Erreger sollten deswegen nicht vergessen und Prophylaxe-Maßnahmen bei Bedarf in Anspruch genommen werden. Bei Unsicherheiten ist die Kommunikation das Wichtigste. Das sollten Eltern auch einfordern. Es muss immer die Möglichkeit geben, seine Sorgen und Fragen loszuwerden.

Vielen Dank für das Gespräch!