4. April 2017

Interview mit Prof. Dr. med. Michael Radke – Die Anzahl der Kinder und Jugendlichen mit CED hat sich deutlich erhöht (Teil 1)

Prof. Dr. Michael Radke ist ein erfahrener Spezialist für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) bei Kindern und Jugendlichen. Seit rund 30 Jahren behandelt er junge Betroffene in seiner kindergastroenterologischen Sprechstunde. Radke ist Direktor der Kinder- und Jugendklinik an der Universitätsmedizin Rostock und Chefarzt am Klinikum Westbrandenburg GmbH – Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Potsdam und dort Leiter eines kindergastroenterologischen Ausbildungszentrums der Gesellschaft für Pädiatrische Gastroenterologie und Ernährung (GPGE). AbbVie Care hat mit Prof. Dr. Michael Radke gesprochen.

AbbVie Care (AC): Herr Professor Radke, Sie arbeiten seit 1988 im Bereich chronisch-entzündliche Darmerkrankungen bei Kindern. Wie sind Sie dazu gekommen?

Prof. Radke: Während meiner Tätigkeit an der Uni-Kinderklinik Rostock wurde ich von heute auf morgen damit beauftragt, die gastroenterologische Sprechstunde zu übernehmen. Zu dieser Zeit war ich gerade Facharzt und musste mich erst in das System einarbeiten. In den letzten 30 Jahren hat es in diesem Bereich sagenhafte Neuerungen gegeben. Während meiner Ausbildung in Rostock hatten wir Ende der 1980er-Jahre zwar einen eklatanten Rückstand in der Medizintechnik, waren aber klinisch exzellent ausgebildet. Der „schnelle Griff“ nach Medizintechnik und Hightech-Labor war ja nicht möglich. Nach dem Fall der Mauer bin ich in die Welt gezogen und habe mir Methoden angeeignet, um Kinder schnell und dem Standard gemäß zu behandeln.

AC: Was waren die wichtigsten Meilensteine im Bereich der Kinder-Gastroenterologie in den letzten dreißig Jahren?

Prof. Radke: Die Prinzipien der Behandlung haben sich komplett geändert. Vor 30 Jahren erfolgte die Behandlung von Kindern weltweit nur mit Kortison. Es gab ja nichts anderes. Kortison machte die Kinder jedoch kränker als sie ohnehin waren. Es schädigte die Knochen und stoppte ihr Wachstum. Die Kinder bekamen Diabetes und wurden adipös, also fettleibig. Das war natürlich sehr, sehr unbefriedigend. Auch die Diagnostik war unbefriedigend. Es gab nur die Möglichkeit, die Kinder zu röntgen. Die Endoskopie bei Kindern, also die Spiegelung des Verdauungstraktes, war in den 1980er-Jahren eher unterentwickelt oder zumindest nicht flächendeckend verfügbar. Die vorhandene Gerätetechnik war ebenfalls dürftig. Wir mussten die Patienten behandeln, ohne zu wissen, wie es in ihrem Darm aussieht. Die Diagnose konnten wir nicht sichern, bestenfalls vermuten. Da hat sich bis heute extrem viel geändert. Mit Immunsuppressiva, Biologika und Ernährungstherapie haben wir völlig neue Prinzipien.

AC: Wann kamen mehr Optionen dazu?

Prof. Radke: Anfang der 1990er-Jahre gab es bereits eine bessere Technik zur Diagnose. Es war möglich, Kinder jeden Alters und jeder Größe zu endoskopieren, also Magen- und Darmspiegelungen durchzuführen. Das war zwar sehr aufwendig, man musste beispielsweise eine Allgemeinnarkose vornehmen, aber es war möglich. Man konnte die Schleimhaut untersuchen, Gewebeproben entnehmen, an den Pathologen übergeben und so Diagnosen sichern oder ausschließen. Im Folgenden schritt die Entwicklung der Ultraschalltechnik weiter voran. Das war ein wichtiges Diagnostikum, weil Ultraschall bei Kindern sehr gut geeignet ist. Kinder haben dünne Bauchdecken und man kann weit in den Körper hineinsehen. Ultraschall ist nicht invasiv, er dringt nicht in den Körper ein, und erfolgt ohne Strahlenbelastung. Außerdem ist die Untersuchung relativ preisgünstig und beliebig oft wiederholbar. Es war wirklich ein Fortschritt. Man konnte Darmwanddicken messen und damit Auskunft über die Entzündungsaktivität erhalten. Darüber hinaus konnte man Stenosen (Anm. d. Red.: Verengungen im Darm) oder Fisteln (Anm. d. Red.: röhrenförmige Verbindungen zwischen Darmschlingen, vom Darm zur Haut oder zu anderen Organen) erkennen, oder zumindest vermuten. Später war es sogar möglich, mit dem Doppler, einer Ultraschall-Untersuchung zur Messung von Strömungsrichtung und -geschwindigkeit in den Blutgefäßen, die Durchblutung entzündeter Stellen abzuschätzen. Vor etwa zehn, fünfzehn Jahren kam dann die Technik zur Magnetresonanztomografie dazu. Mit diesem bildgebenden Verfahren konnten wir die Dünndarmdiagnostik erheblich verbessern. Die Kapselendoskopie – ein ebenfalls bildgebendes Verfahren und heute auch bei kleinen Kindern durchführbar – ist eine wichtige Errungenschaft, z.B. zur Beurteilung eines Dünndarmbefalls bei Morbus Crohn. Mithilfe einer kleinen Kamerakapsel, welche vom Kind verschluckt wird, kann dabei die Schleimhaut des Verdauungstraktes dargestellt werden. In den vergangenen 30 Jahren hat hier eine enorme Entwicklung stattgefunden.

AC: Wie hat sich in Ihrer Wahrnehmung die Anzahl der betroffenen Kinder und Jugendlichen in diesem Zeitraum verändert?

Prof. Radke: Vor etwa 30 Jahren war Morbus Crohn eine Rarität. In Rostock hatte ich vielleicht sieben oder acht Patienten in ständiger Betreuung. Als ich 1997 nach Potsdam ging, gab es dort keine gastroenterologische Sprechstunde für Kinder und Jugendliche – sehr ungewöhnlich für eine Landeshauptstadt. In den vergangenen nahezu 20 Jahren habe ich in Potsdam eine Sprechstunde mit aktuell über 120 Kindern und Jugendlichen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen aufgebaut, die wir ständig betreuen. Jedes Jahr haben wir zehn bis zwölf neue Patienten und geben zehn bis zwölf an einen Erwachsenen-Gastroenterologen ab, wenn sie erwachsen werden. Die Anzahl der Patienten hat sich drastisch erhöht. Verschiedene Studien bestätigen, dass Autoimmunerkrankungen wie chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Diabetes mellitus Typ 1 oder auch Zöliakie in den Industrienationen zunehmen. Das stellen auch wir fest. Zwar haben wir hier sicherlich auch so etwas wie einen Zentrumseffekt, denn wir bekommen Patienten aus der ganzen Region und aus angrenzenden Bundesländern zugewiesen, aber der Eindruck, dass diese Erkrankungen stark zunehmen, hat sich eben auch in den Studien bewahrheitet.

AC: Gibt es heute tatsächlich mehr Kinder und Jugendliche mit CED? Oder werden chronisch-entzündliche Darmerkrankungen heute aufgrund der verbesserten Diagnostik und der besseren Sensibilisierung der Eltern einfach eher erkannt?

Prof. Radke: Die Anzahl hat zugenommen. Wenn ich ein Kind mit CED neu diagnostiziere, dann bin ich in der Regel der Erste, der diese Diagnose stellt. Es gibt wenige Eltern und Kinderärzte, die von sich aus auf eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung schließen, wenn ein Kind seit einem halben Jahr blass ist, nicht mehr wächst und Bauchschmerzen, Gelenkbeschwerden, einen Leistungsabfall oder eine Gewichtsabnahme hat. In unserer Region kann es sein, dass wir die Kinderärzte mit unserer Arbeit ein wenig sensibilisiert haben. Aber in den Regionen, in denen es keine Spezialsprechstunde für diese Kinder gibt, ist das Wissen um diese Patienten sehr begrenzt. Viele Erwachsenenmediziner schließen eine solche Erkrankung bei Kindern auch heute noch de facto aus. Sie sind der Meinung, Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa könne es bei einem Kind nicht geben. Und Kinderärzte haben vielleicht einmal in vier Jahren ein Kind mit CED vor sich. Pro Kinderarzt und Niederlassung kommt das also selten vor. Aber für mich ist es doch eine recht häufige Angelegenheit.

AC: Muss man auch von einer Dunkelziffer ausgehen?

Prof. Radke: Ein Kind mit CED fällt irgendwann auf. Es mag manchmal leider bis zu einem Jahr dauern, bis es wirklich zu einer Diagnostik – besonders eines Morbus Crohn – kommt. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Kind mit CED überhaupt nicht diagnostiziert wird – dazu sind die Krankheitssymptome dann doch zu gravierend oder offensichtlich. Mehr zu chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen bei Kindern lesen Sie im zweiten Teil unseres Interviews mit Prof. Dr. Michael Radke.