„Es ist ein 24-Stunden-Job“

Autor: Petra Sperling | 06/2015

Die Bedürfnisse eines pflegebedürftigen Menschen prägen den Alltag. Umso wichtiger ist es, dass pflegende Angehörige sich gezielt eigene Freiräume schaffen und gegebenenfalls Unterstützung suchen.

„Im Grunde ist es ein 24-Stunden-Job“, stellt Silvia M. fest. Seit vier Jahren pflegt sie ihren an Parkinson erkrankten Mann. „Ob Treppensteigen, Anziehen oder Essen – bei allem, was mit Bewegung einhergeht, macht ihm die Erkrankung zu schaffen. Eine Zeit lang ist er auch häufig gestürzt.“

Sie lässt den 67-Jährigen, der zudem kaum sehen kann, ungern länger als zwei Stunden allein. An Tagen, an dem es ihm nicht gut geht, bleibt sie lieber ganz zu Hause. „Das schränkt mich zwar sehr ein – aber anders hätte ich keine Ruhe.“

„Man sollte sich Freiräume behalten, idealerweise von Beginn an.“

Silvia M., selbst 62 Jahre, weiß aber: Sie muss auch an sich denken. „Meinem Mann wäre ja nicht geholfen, wenn ich schlapp mache.“ Sie nimmt sich daher immer wieder Zeit für Entspannung und geht regelmäßig zur Wassergymnastik. Auch Freunde zu treffen, ist ihr wichtig. „Mit einer Freundin, die selbst Parkinson hat, spreche ich dann auch über die Pflegesituation. Sonst haben wir aber meist andere Themen. Diese Ablenkung tut gut.“

Gezielt Unterstützung suchen

Bei Fragen rund um Parkinson sucht die Rheinland-Pfälzerin gezielt Unterstützung. Wenn möglich, besucht sie einmal im Monat den Gesprächskreis ihrer Krankenkasse. Bei persönlichen Fragen verabredet sie sich vorab mit der Leiterin. „Sie kennt meinen Mann und kann passende Ratschläge geben“, erläutert sie. „In der Gesprächsrunde selbst tauschen wir Erfahrungen und Tipps aus. Es ist auch erleichternd zu sehen, dass es anderen ähnlich geht.“

Wenn Silvia M. überlegt, was wichtig ist, um den kräftezehrenden Pflegealltag zu stemmen, liegt ihr eins besonders am Herzen: „Man sollte sich Freiräume „Es ist ein 24-Stunden-Job“ behalten, idealerweise von Beginn an“, sagt sie. „In eine Pflegesituation rutscht man schnell und unbemerkt immer tiefer hinein. Sich dann aus dem Trott einer 24-Stunden-Rufbereitschaft wieder herauszuarbeiten, ist schwer. Auch über mögliche Hilfen sollte man sich deshalb rechtzeitig informieren.“

Eigene Bedürfnisse beachten

Wie leicht die eigenen Bedürfnisse ins Hintertreffen geraten können, hat Beate Z. erlebt. Seit vielen Jahren pflegt sie, Mutter einer 13-jährigen Tochter und halbtags berufstätig, ihre 72-jährige parkinsonkranke Mutter. „Man konzentriert sich anfangs sehr auf den Pflegebedürftigen“, berichtet sie. „Irgendwann stellt man dann fest: Ich habe gar kein Eigenleben mehr, ich bin ja nur noch erschöpft!“ Mit Migräne, Müdigkeit, Gereiztheit machte sich die Überforderung bei ihr bemerkbar. Es sei höchste Eisenbahn gewesen, etwas zu ändern, blickt die 42-Jährige zurück.

Inzwischen habe sie viel dazugelernt. Täglich gönne sie sich das wohltuende Ritual, abends mit einer Wärmflasche im Bett zu liegen und bewusst die Stille zu genießen. Manchmal würde sie auf die Verhinderungspflege zurückgreifen. „Ich kann mittlerweile auch besser eine Grenze zwischen den Problemen meiner Eltern und meinen eigenen ziehen, gewissermaßen die Tür schließen, wenn ich von meinen nebenan lebenden Eltern in meine eigene Familie zurückkehre.“ Intensive Gespräche mit ihrem Mann hätten ihr dabei sehr geholfen.

„Es ist auch erleichternd zu sehen, dass es anderen ähnlich geht.“

Grenzen der Hilfe akzeptieren

„Lange Zeit plagte mich auch ständig ein schlechtes Gewissen“, erzählt Beate Z. „War ich bei meiner Mutter, hatte ich das Gefühl, nicht genug für meine Tochter und meinen Mann da zu sein. War ich bei ihnen, dachte ich, ich müsste doch eigentlich meiner Mutter beistehen.“ Das sei sehr zermürbend gewesen, bilanziert sie. „Mittlerweile aber habe ich eingesehen: Ich tue, was ich kann und darf mich nicht daran aufreiben, dass ich manche Dinge einfach nicht ändern kann.“

Diese Einsicht und viel Verständnis ihres Mannes haben der Kaiserslauterin geholfen, sich noch etwas anderes bewusst zu machen: „Es kam mir so vor, als dürfe ich nicht fröhlich sein – schließlich geht es meiner Mutter nicht gut. Heute ist mir klar: Ich darf trotzdem mit meiner Familie lachen und glücklich sein.“ Beate Z. hat erfahren: Gerade diese Momente von Heiterkeit und Genuss sind eine wesentliche Kraftquelle im oft anstrengenden Pflegealltag.

Hilfen für den Alltag

  • Verteilen Sie Aufgaben rechtzeitig auf mehrere Schultern, damit Sie Entlastung erfahren. Unterstützung können Sie sich bei Familienmitgliedern, professionellen Pflegediensten oder ehrenamtlichen Helfern suchen.
  • In einem Pflegekurs können Sie wichtige Kenntnisse und Handgriffe lernen, die Ihnen Sicherheit und Erleichterung bringen. Pflegeversicherungen, die Wohlfahrtsverbände und die Medizinischen Dienste der Krankenkassen bieten Kurse an. Gleichzeitig kommen Sie in Kontakt mit anderen Pflegenden.
  • Klären Sie mit dem Pflegebedürftigen, welche Dinge er selbst machen kann und wo Hilfe nötig ist. Das lässt ihm so viel Eigenständigkeit wie möglich und erspart Ihnen unnötige Belastung. Es kann auch Missverständnisse vermeiden helfen, die aus unausgesprochenen Erwartungen resultieren.
  • Versuchen Sie, Balance zwischen Ihren eigenen Bedürfnissen und denen des Pflegebedürftigen zu halten. Nehmen Sie es ernst, wenn Außenstehende Ihnen sagen, dass Sie gereizt wirken oder sich zurückziehen. Sprechen Sie gegebenenfalls mit Ihrem Arzt über Ihre Gesundheit.

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