„Ich habe viel hinzugewonnen.“

Autor: Petra Sperling | 06/2017

„Ich wollte mich nicht hängen lassen, sondern herausfinden, was mir guttut.“

Eine neue Stelle und reichlich zu tun, Zeitdruck und ungewohnte Strukturen – als Erika Ilg 2004 bemerkt, dass sie oft zittrig ist, schiebt die 56-Jährige das auf die Herausforderungen im Job. Sie versucht, die Auffälligkeiten zu verbergen. „Ich wollte meinen Kollegen nicht den Eindruck vermitteln, dass ich gestresst bin“, erklärt die gelernte Kauffrau im Handwerk. „Also habe ich vermeintliche Erklärungen vorgeschoben, etwa ich hätte wohl zu viel Kaffee getrunken. Oder ich habe meine Hände unter den Tisch gehalten, damit keiner etwas bemerkt.“

Ein Jahr später haben sich die beruflichen Wogen geglättet, doch das Zittern ist geblieben. Besonders die linke Körperhälfte ist betroffen. Die Sendenerin macht sich zunehmend Sorgen und geht zum Arzt. In der Praxis trifft sie auf eine Vertretung, einen Neurologen. Er vermutet direkt eine Parkinson-Erkrankung; weitere Untersuchungsergebnisse bestätigen seinen Verdacht. Auf diese Diagnose ist Erika Ilg nicht vorbereitet. Allerdings sieht sie rückblickend einiges klarer. „Meine Großmutter war auch immer ganz zittrig und hatte eine krakelige Schrift. Das hat nur damals niemand hinterfragt. Es hieß, sie habe halt ‚das Zipperle’. Heute glaube ich, sie hatte auch Parkinson und es gibt womöglich eine erbliche Komponente in der Familie.“

Nach einigen Überlegungen beantragt Erika Ilg Frührente und ist von nun an daheim. Sie ist jedoch fest entschlossen, sich nicht hängenzulassen. Vielmehr will sie sich informieren und herausfinden, was ihr guttut. Eine Bekannte vermittelt ihr die Adresse der örtlichen Selbsthilfegruppe. „Der erste Besuch in der Gruppe hat mir jedoch nicht gefallen, lauter kranke und ältere Menschen. Ich wollte noch nicht dazugehören“, gibt sie zu. „Andererseits war die Gruppe eine gute Quelle für Informationen, die man sonst nicht so leicht bekommt und die einem helfen, die Dinge für sich einzuordnen. Und da ich generell finde, dass jeder eine zweite Chance verdient, bin ich trotzdem wieder hingegangen.“

Engagement in der Selbsthilfe

Im Zuge der regelmäßigen Treffen verflüchtigen sich ihre Bedenken jedoch rasch. Aus neuen Bekanntschaften werden Freundschaften. Heute genießt sie den Zusammenhalt der Gruppe der Deutschen Parkinson Vereinigung in Iller sehr und bringt sich viel ein. Sie erstellt Terminübersichten, hilft bei Veranstaltungen und Ausflügen. „In der ersten Reihe zu stehen, ist nicht meine Art, aber zuarbeiten kann ich prima“, schmunzelt die 69-Jährige. Mit großem Engagement widmet sie sich auch der Aufgabe, für jedes der 150 Mitglieder zum Geburtstag eine Karte mit einem ausgesuchten Gedicht zu gestalten.

Ihre Offenheit erleichtert anderen den Umgang mit Parkinson.

Anders als mit dem vermeintlichen Stress im Job geht Erika Ilg mit ihrer Parkinson-Erkrankung von Beginn an offen um. „Ich finde das besser, als dumm angeschaut zu werden, weil ich vielleicht nicht ganz gerade gehe“, sagt sie selbstbewusst. „Die Meinung der anderen ist mit zwar nicht wichtig, aber dann wissen sie, woran sie sind und können selbst entscheiden, was sie damit anfangen.“ Die meisten würden anfangs mitfühlend oder auch bedauernd reagieren. Aber schon bald sei Parkinson dann gar nicht mehr so wichtig. „Man erzählt vielleicht mal darüber, wenn man auf die Gesundheit zu sprechen kommt. Aber oft geht es auch um ganz andere Themen.“ Die sanft wirkende Frau, die trotz ihrer unwillkürlichen, durch Parkinson ausgelösten Bewegungen eine positive Ruhe ausstrahlt, weiß allerdings, dass eine solche Offenheit nicht jedem leicht fällt. Sie selbst kenne eine jüngere Frau, die sich nicht outen wolle. „Ich habe sie schon öfter in unsere Gruppe eingeladen. Aber sie ist berufstätig und hat wohl Angst, mit Parkinson nicht mehr als vollwertig zu gelten. Das ist für Jüngere sicher ein Problem. Andererseits kostet es viel Kraft, verdeckt zu leben.“

Aktiv leben

Ein großes Anliegen ist der unternehmungslustigen Frau, die in ihrem Leben viel gereist ist, den Auswirkungen der Erkrankung aktiv etwas entgegenzusetzen und möglichst beweglich zu bleiben. Sie macht regelmäßig Wassergymnastik und Ergotherapie und trainiert mit speziellen Therapien Beweglichkeit und Gleichgewicht. „Natürlich muss ich nicht alles können. Mein Fahrrad lasse ich zum Beispiel zurzeit stehen. Aber ich möchte etwas vom Leben haben – und dafür tue ich etwas.“ Letztlich zähle dazu auch der offene Umgang mit Parkinson, betont sie. „Was nützt es, wenn ich den Kopf in den Sand stecke und mich verkrieche? Ich muss die Erkrankung annehmen und versuche damit weiterzuleben, so gut es geht.“

Der Alltag der sympathischen Bayerin ist entsprechend abwechslungsreich. „Ich habe immer etwas vor, koche gerne und besuche so oft wie möglich klassische Konzerte. Ich nehme mir Zeit für meine Hobbys und habe stets eine offene Tür und einen Kaffee für jeden, der vorbeischaut.“ Eine verlässliche Stütze ist der alleinlebenden Frau ihre Freundin, die im gleichen Haus wohnt. „Brigitte pflegt die Blumen, ich bin eher die fürs Grobe, mähe den Rasen Erika Ilg aus Senden bei Ulm geht bewusst auf die Menschen zu und genießt ihr Leben und dünge“, lacht Erika Ilg. Nicht zuletzt hat ihre Katze Mona Erika Ilg aus Senden bei Ulm geht bewusst auf die Menschen zu und genießt ihr Leben als verlässlicher Gesellschafter einen zentralen Platz in ihrem Leben.

Blick für das Positive

Die eigenen Stärken zu sehen, ist eine wichtige Kraftquelle.

Allerdings kennt sie auch dunkle Momente. „Manchmal gibt es einfach Tage, an denen ich mich mies fühle und denke, das habe ich nicht verdient“, räumt sie ein. „Dann verziehe ich mich schon mal für eine kleine Weile. Oder es ist frustrierend, wenn ich nachts aufwache, mich schwer wie Beton fühle und nicht aus dem Bett komme. Ich gebe dem dann Raum – aber nie sehr lange.“ Ihr persönliches „Gegenmittel“ in diesen Momenten und auch generell sei, sich das Positive vor Augen zu führen. So sei durch Parkinson auch viel Neues in ihr Leben getreten. „Ich habe Menschen kennengelernt, die ich sonst nie getroffen hätte und erlebe weiterhin tolle Begegnungen. Und über die Ergotherapie habe ich die Seidenmalerei, das Töpfern und das Zeichnen für mich entdeckt. Es stärkt mich sehr, auf das zu schauen, was ich hinzugewonnen habe und was ich alles noch kann.“

„Ich muss nicht alles können. Aber ich möchte etwas vom Leben haben – und dafür tue ich etwas.“

Der Zukunft blickt Erika Ilg gelassen entgegen. „Ich plane nur für kurze Zeit voraus. Ich weiß ohnehin nicht, was wird. Außerdem kann ja auch unabhängig von Parkinson immer etwas sein. Darum schaue ich, was aktuell möglich ist und was mir Spaß macht. Meine Devise ist: Jetzt leben und das Leben so gut es geht genießen.“

Erika Ilg aus Senden bei Ulm geht bewusst auf die Menschen zu und genießt ihr Leben
Erika Ilg aus Senden bei Ulm geht bewusst auf die Menschen zu und genießt ihr Leben
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