„Ich lebe gerne!“

Autor: Petra Sperling | 09/2016

„Man muss die Gesetze des Lebens annehmen, wenn man es leben will — und das Jetzt genießen.“

Es duftet nach frisch gebackenem Apfelkuchen. Edda Brandl begrüßt den Besuch und macht die letzten Handgriffe. Dabei „tanzt“ sie unentwegt hin und her, zwischen Spüle und Schrank, Tisch und Regal. So nennt es die 73-Jährige, wenn unwillkürliche Armschwünge und Schritte ihrem Körper ein augenfälliges Eigenleben geben. Die unkontrollierbaren Bewegungen sind eine Folge der Parkinson-Erkrankung, mit der Edda Brandl seit 23 Jahren lebt. Alles beginnt damit, dass sie im Gehen ein Bein leicht nachzieht. Auch ein Arm schwingt nicht mehr richtig mit, beim Schreiben zittert ihre Hand. Der Orthopäde vermutet eine Nervenentzündung. Doch die Therapie schlägt nicht an. Edda Brandl geht zum Neurologen. Der stellt nach mehreren Untersuchungen die Diagnose Parkinson.

Die damals 50-Jährige empört sich über den barschen Ton, mit dem der Arzt die Botschaft übermittelt – die Nachricht selbst belastet sie zunächst weniger. „Mein Mann hatte 20 Jahre zuvor, mit 37 Jahren, Knochenkrebs bekommen“, berichtet sie. „Um ihn zu retten, musste sein linkes Bein mitsamt Beckenschaufel amputiert werden. Anschließend war viele Jahre ungewiss, ob er gesund bleibt. In dieser Zeit haben wir nicht wirklich gelebt. Mein Mann musste erst wieder ins Leben zurückfinden. Auch zwischen uns beiden war es harte Arbeit, bis jeder von uns wieder seinen Platz gefunden hatte. Als meine Diagnose kam, dachten wir daher: Wir haben den Krebs besiegt, da werden wir mit einem ‚kleinen‘ Parkinson auch fertig. Wir hatten ja keine Ahnung, wie mächtig er werden würde.“

Zu der Zeit lebt Edda Brandl, die als Vierjährige mit ihren Eltern aus dem Sudetenland nach Karlsruhe flieht, mit ihrem Mann Hans Die 73-jährige Edda Brandl geht mit viel positiver Energie durch ihren Alltag mit Parkinson im eigenen kleinen Häuschen im idyllischen Allersberg bei Nürnberg. Um mehr über ihre Erkrankung zu erfahren und andere Betroffene kennenzulernen, wendet sie sich an die Deutsche Parkinson Vereinigung. Sie sammelt Informationen, besucht Parkinson-Tage in der Region und schließt sich einer Selbsthilfegruppe an. Ihr Ehemann ist dabei stets an ihrer Seite. Viele Betroffene wagen sich nicht in die Selbsthilfe, weiß Edda Brandl, die 1997 – unterstützt von ihrem Mann – eine eigene Gruppe gründet. Zu groß sei die Angst, dort Menschen zu treffen, die schon länger und stärker erkrankt sind. „Ich verstehe das gut, mir ging es anfangs genauso“, blickt sie zurück. „Doch in der Gruppe findet man verlässliche Unterstützung. Und man trifft vielleicht Menschen, denen es schlechter geht als einem selbst – aber die mit Parkinson umgehen und einem viel geben können.“

Viele der Gedanken, die ihr durch den Kopf gehen, hält Edda Brandl in stimmungsvollen Gedichten fest.

Viel Kraft findet sie selbst auch in ihrem Glauben. „Ich gebe dem, was ist, einen Sinn“, sagt sie leise. „Wer das nicht tut, ist trostlos. Und ich sage: ‚Der Parkinson ist mein Freund.‘ Ich werde oft gefragt: ‚Wie kannst du so etwas Freund nennen?‘ Aber wenn ich ihn als Feind betrachten würde, müsste ich laufend gegen ihn ankämpfen. Dabei würde ich viel nützliche Energie verschwenden. Nehme ich ihn als Freund, kann ich ihm schon mal ein Schnippchen schlagen. So wie das unter Freunden eben ist.“

Ihre langjährige Erkrankung zeichnet die zierliche Frau mittlerweile sichtlich. Doch Edda Brandl lässt das nicht einfach geschehen. Sie macht regelmäßig Gymnastik, Sprach- und Entspannungsübungen. Manchmal sucht sie psychologische Unterstützung. „Ich liebe zudem Gedichte, habe unzählige gesammelt und schreibe selbst welche“, erklärt sie. „Sie geben mir viel Halt. Und wenn ich merke, dass ich monotoner spreche, trage ich sie laut vor. Das bringt wieder Melodie in meine Stimme.“ Gleichzeitig findet Edda Brandl es wichtig, den Rhythmus anzunehmen, den Morbus Parkinson ihr vorschreibt. „Wenn ich mich schlecht bewegen kann, versuche ich gar nicht erst, ein Hemd zu bügeln. Das muss dann warten. Wenn ich spätnachts putzmunter bin, bleibe ich halt wach und dekoriere unsere Wohnung.“

Loslassen lernen

Auf die Frage, wie sie mit dem Fortschreiten der Erkrankung zurechtkommt, schweigt sie eine Weile. „Es ist ein Abschiednehmen“, sagt sie schließlich ernst, und ihre Hände zittern ein bisschen stärker. „Ich gehe zum Beispiel nicht mehr alleine aus dem Haus. Auch mein ehrenamtliches Engagement in der Gemeinde muss ich einschränken. Man muss ein Stück weit loslassen, wenn Parkinson mächtiger wird und manches nicht mehr geht. Ich habe das bei meinen vier Töchtern gelernt und so ist es auch mit dem Leben an sich. Man muss seine Gesetze annehmen, wenn man es leben will. Wichtig ist, das Jetzt zu genießen.“

Ihr Mann, der vor Kurzem 80 Jahre geworden ist und bei jedem Schritt auf Gehhilfen angewiesen ist, unterstützt sie im gemeinsamen Alltag liebevoll. Er achtet darauf, dass sich seine lebhafte Ehefrau nicht übernimmt. Sanft, aber bestimmt, mahnt er es an, wenn sie ihre Tabletten noch nicht genommen hat. „Manchmal geraten wir auch aneinander“, schmunzeln beide. „Ihm ist es zum Beispiel gar nicht recht, dass ich abends oft so lange auf bin“, sagt sie lächelnd und zwinkert ihrer großen Liebe über den Tisch hinweg zu. „Er hat Sorge, dass ich zu wenig Ruhe bekomme und zu viel Energie verbrauche. Aber kürzlich haben wir auf einem Seminar sehr offen darüber gesprochen. Ich habe ihm erklärt, wie wichtig diese nächtlichen Streifzüge für mich sind, um mit Parkinson zurechtzukommen. Seitdem sind wir darüber nicht mehr aneinandergeraten.“

Gemeinsam stark

Edda und Hans Brandl sind seit vielen Jahren ein Paar. Und sie sind ein beeindruckendes Paar. „Gemeinsam sind wir stark“, betonen beide. „Durch unsere intensiven Erfahrungen ist unsere Liebe noch inniger geworden“, lächelt Edda Brandl. „Wir achten sehr aufeinander und wir brauchen einander ja auch.“

„Für mich ist die Welt positiv. Deshalb sage ich auch: ‚Ich bin nicht alt – ich bin reich an Lebensjahren.‘“

Gleichzeitig möchte die 73-Jährige so lange wie möglich selbstständig und aktiv bleiben. Ob Kuchen backen, den Garten pflegen, mit den Enkeln spielen oder die Wohnung liebevoll dekorieren Die 73-jährige Edda Brandl geht mit viel positiver Energie durch ihren Alltag mit Parkinson – Edda Brandl hat immer etwas vor. „Ich genieße mein Leben“, sagt sie nachdrücklich. „Manche Menschen verstehen das nicht. Sie fragen sich, wie man mit so einer Erkrankung noch lachen kann. Natürlich wäre ich gerne einmal wieder die vornehme Prinzessin, statt rastlos durch mein Leben zu ‚tanzen‘. Aber es gibt viele schöne Dinge und ich lebe gerne!“

Die 73-jährige Edda Brandl geht mit viel positiver Energie durch ihren Alltag mit Parkinson
Die 73-jährige Edda Brandl geht mit viel positiver Energie durch ihren Alltag mit Parkinson
Die 73-jährige Edda Brandl geht mit viel positiver Energie durch ihren Alltag mit Parkinson
Die 73-jährige Edda Brandl geht mit viel positiver Energie durch ihren Alltag mit Parkinson
Die 73-jährige Edda Brandl geht mit viel positiver Energie durch ihren Alltag mit Parkinson
Die 73-jährige Edda Brandl geht mit viel positiver Energie durch ihren Alltag mit Parkinson
Die 73-jährige Edda Brandl geht mit viel positiver Energie durch ihren Alltag mit Parkinson
Die 73-jährige Edda Brandl geht mit viel positiver Energie durch ihren Alltag mit Parkinson
Die 73-jährige Edda Brandl geht mit viel positiver Energie durch ihren Alltag mit Parkinson

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