Immer am Ball

Autor: Petra Sperling | 12/2014

„‚Ich kann nicht‘ gibt es für mich nicht. Dadurch habe ich mich hin und wieder auch schon mal etwas übernommen. Aber viel öfter hat mir diese Einstellung geholfen, meine Grenzen auszuloten und so aktiv wie möglich zu bleiben.“
Mein Leitspruch? Das Leben geht weiter!“

Seine erste große Liebe? Darüber muss Horst „Ede“ Schunk nicht lange nachdenken. „Der Fußball“, lacht er. Schon als Dreijähriger liebt er den Bolzplatz. Neben seinem Kopfkissen liegt nachts kein Teddy, sondern das runde Leder. Als Jugendlicher startet er bei der Sportvereinigung Sterkrade-Nord, bis zu seinem 32. Lebensjahr spielt er in verschiedenen regionalen Vereinen, die meiste Zeit in der ersten Mannschaft. Parallel beginnt er, sich als Trainer zu beweisen.

Auch heute, mit 60, trainiert der gebürtige Oberhausener „seine Jungs“ von Sterkrade-Nord. Bei seiner Leidenschaft für den Fußball ist das kein Wunder – aber auch keine Selbstverständlichkeit. Denn im Jahr 1990 muss er eine unerwartete Vollbremsung verkraften. „Mir fielen immer häufiger mittags die Augen fast zu“, blickt er zurück. „ Als sportlicher Kerl kannte ich so etwas gar nicht. Ich sah auch keinen Grund für diese seltsame Müdigkeit. Ich hatte genug geschlafen und war kerngesund – dachte ich.“

Unter seinen Arztterminen ist auch ein Besuch bei einer Neurologin. Sie hat eine Vermutung und schickt ihren Patienten in eine Spezialklinik. Hier bestätigt sich der Verdacht der Medizinerin: Der gerade einmal 36-Jährige leidet an Parkinson. „Meine erste Reaktion war: Das kann nicht sein, die Ärzte haben sich vertan“, erinnert sich Schunk. „Ich war am Boden zerstört. Mir war, als hätte ich ‚die Seuche im Balg‘. Ich konnte es nicht an mich heranlassen, dass ich diese Krankheit haben sollte.“

Zu jung, um alles hinzuwerfen

Doch der Stillstand währt nicht lange. Noch in der Fachklinik, in der er die ersten Wochen nach der Diagnose verbringt, wird dem Ehemann und Vater einer damals 10-jährigen Tochter bewusst: „Es bringt ja nichts, wegzulaufen, nur noch in der Ecke zu sitzen und mit meinem Schicksal zu hadern. Ich habe eine Familie, Hobbys und Ziele. Und ich bin viel zu jung, um alles aufzugeben!“ Noch dazu erkennt er, dass er vergleichsweise gering betroffen ist. Das ist für ihn ein Grund mehr, nach vorne zu gucken. Entschlossen informiert er sich über Parkinson. Er möchte wissen, was auf ihn zukommen könnte. Doch bald konzentriert er sich wieder auf die Gegenwart. Er will wieder Fahrt aufnehmen. Eine wertvolle Starthilfe ist ihm der Fußball . „Ich hatte glücklicherweise kaum Symptome, die mich sportlich einschränkten“, erzählt Schunk. „Ich habe dann erst recht Gas gegeben.“ Noch im Jahr der Diagnose wechselt er den Verein und steigt vom Co-Trainer zum Trainer auf.

In vielerlei Hinsicht aktiv

Bei seinen anderen Hobbys bleibt der agile Oberhausener ebenfalls am Ball. Er fotografiert auf dem Platz – für die Stadionzeitung, für Spielberichte und für die Bücher, die er schreibt, darunter der Titel „Fußball, mein Leben / oder ein Leben für den Fußball: Eine sportliche Autobiographie eines Fußballbesessenen“. Gemeinsam mit seiner Frau ist er im Kegelverein, mit ehemaligen Kickerkollegen gründet er einen Pokerclub. Viel Zeit verbringt er zudem in seinem Werkkeller. Sogar das wohnliche Gartenhäuschen samt Einrichtung hat der talentierte Heimwerker größtenteils selbst gezimmert. „Edes Oase“ steht über der Tür. Beruflich schaltet der Vollziehungsbeamte allerdings 2003 einen Gang herunter. Sein Job im Außendienst sei zunehmend anstrengender geworden, beschreibt er. Mit Parkinson habe sich das nicht gut vertragen. „Manchmal habe ich vor lauter Stress gezittert, konnte nicht richtig schreiben und musste die Quittung im Auto vorbereiten.“ Auf eigenen Wunsch wechselt er in den Innendienst. „Eigentlich brauche ich mehr Action. Aber ich kann mich mit dem ruhigeren Posten aussöhnen, weil ich für Ausgleich sorge, mit dem E-Bike ins Büro fahre und in der Freizeit aktiv bin.“

Von nichts kommt nichts

Zusätzlich steht zweimal pro Woche Krankengymnastik im Kalender. „Mein Physiotherapeut sagt: ‚Kraftübungen musst du nicht machen, du kannst mit deinen Beinen einen Panzer wegschieben‘“, grinst Schunk. Aber er müsse etwas für geschmeidige Bewegungen und gegen Muskelverkürzungen tun. Das nimmt er sehr ernst „Ich möchte schließlich, dass es mir möglichst gut geht. Und von nichts kommt nichts.“ Insgesamt ist er froh darüber, dass sein Parkinson sehr langsam voranschreitet. „Die Medikamente wirken gut, die tägliche Tablettenmenge ist überschaubar und die Dosis ist immer noch am unteren Rand. Ich hoffe, das bleibt noch lange so.“ Wird seine Erkrankung bemerkbar, geht Horst Edmund Schunk in die Offensive. „Ich habe zum Beispiel meine Spieler gleich am Anfang zusammengetrommelt und gesagt: ‚ Hört mal, ich habe Parkinson. Das geht bei mir auf die Stimme, ich rede manchmal leise oder undeutlich. Wenn ihr also etwas nicht versteht, fragt nach. Das erzähle ich euch nicht, weil ich Mitleid will, sondern um Missverständnisse zu verhindern.‘ Damit kamen alle klar.“

„Ich wünsche mir, dass ich möglichst lange fit für den Fußball bleibe. Denn Sport und Bewegung sind ein wahres Lebenselixier für Körper und Geist.“

Die schönen Dinge sehen

Einen offenen Umgang mit der Erkrankung legt der 60-Jährige auch anderen ans Herz, die mit Parkinson leben. „Sich zu verstecken oder sich zurückzuziehen, ist falsch“, findet er. „Ebenso sollte man versuchen, so aktiv wie möglich zu bleiben und ein Auge für die schönen Dinge im Leben zu behalten.“ Als Frohnatur, die er nun einmal sei, könne er das ganz gut. Natürlich sei nicht jeder Tag super, räumt Schunk ein. „Aber wenn ich mich eine Weile in meine Oase zurückziehe und die Gedanken laufen lasse, macht das den Kopf wieder frei.“

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