„Jeder sollte sich etwas zutrauen.“

Autor: Petra Sperling | 03/2017

„Mir war sofort klar: Ich muss zurück in den Tanz – denn so kann ich mein Körpergefühl am besten trainieren.“

„Ich war gerade in Köln angekommen und aus dem Auto gestiegen, als sich plötzlich meine linke Hand selbstständig machte und wie wild ausschlug“, blickt Bernd Michael Teichmann in das Jahr 2000 zurück. „Ich wusste gar nicht, wie mir geschah. Aber dieser seltsame Moment ging schnell vorbei und alles schien wieder so zu sein wie immer.“ Kurz zuvor hatte der klassisch ausgebildete Tänzer Bernd Michael Teichmann kehrt nach seiner aktiven Zeit als Tänzer mit der Diagnose Parkinson zurück in seine Kunst seine aktive Karriere beendet und war für eine Ausbildung in die Domstadt gezogen. Viele Jahre war er an zahlreichen Bühnen in Deutschland, der Schweiz und New York zu Hause gewesen. „Dann war ich jedoch immer öfter verletzt und musste einsehen, dass es an der Zeit ist, umzuschulen“, erklärt er seine Entscheidung. „Mein Plan war, Physiotherapeut zu werden und später vor allem Tänzer zu behandeln.“

Im Laufe der nächsten Monate bemerkt der damals 38-Jährige jedoch immer wieder, dass er leicht zittert. Er ist irritiert, denn als Profi-Tänzer ist er es gewohnt, seinen Körper bis hin zur feinsten Bewegung zu kontrollieren. Er spricht mit Therapeuten und Ärzten. Einer von ihnen ist ein Neurologe, der eine Überweisung in die Universitätsklinik ausstellt – mit Verdacht auf Parkinson. Die Vermutung bestätigt sich. „Damit stand die Diagnose bei mir ungewöhnlich rasch fest“, sagt Bernd Michael Teichmann. „Ich weiß noch, wie erstaunt die Ärzte waren, dass ich mich so früh gemeldet habe. Aber ich besitze eine sehr ausgeprägte Körperwahrnehmung und hatte sofort gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung war.“

Auf die Diagnose reagiert er mit einer Entscheidung, die Freunde und Vertraute überrascht, teilweise schockt, für ihn hingegen schlichtweg naheliegend ist: „Mir war sofort klar, dass ich zurück in den Tanz muss. Ich wollte nicht im Rollstuhl landen und ich wusste: Über den Tanz kann ich mein Körpergefühl und mein Bewegungsgedächtnis am besten trainieren.“ In seiner neuen Situation geht Bernd Michael Teichmann sogar noch einen Schritt weiter. Er stellt sich einer der größten Herausforderungen in seiner Laufbahn und geht noch im gleichen Jahr nach Singapur, um dort in einer der Akademien die Tanzabteilung zu leiten.

„Ich wünsche mir, dass die Menschen innerhalb ihres eigenen Könnens an ihre Grenzen gehen.“

Aufreibendes Doppelleben

Die folgenden vier Jahre baut der energiegeladene Rheinländer die Ausbildungsabteilung der Akademie auf. Eine einfache Zeit sei das nicht gewesen, bilanziert er. „Die fremde Kultur Bernd Michael Teichmann kehrt nach seiner aktiven Zeit als Tänzer mit der Diagnose Parkinson zurück in seine Kunst , hohe Erwartungen, jede Menge Arbeit – das war nicht ohne. Dazu kam die Belastung, meine Erkrankung zu verheimlichen. Nur die Direktion wusste darum. Hätte ich sie offengelegt, wäre ich angreifbar geworden. Aber ich musste funktionieren. Deshalb war das keine Option.“

Den Kollegen von seiner Erkrankung zu erzählen, war ein wichtiges Ventil.

Seine Medikamente wirken gut und das Versteckspiel gelingt, doch es ist anstrengend. Irgendwann wird der Druck zu stark. „Auf einem Festival in Malaysia hatte ich das Gefühl, dass ich es einfach nicht schaffe“, erzählt Bernd Michael Teichmann. „Die ständige Angst, dass die Leute um einen herum sehen, dass man zittert, obwohl das für andere vielleicht gar nicht mal sichtbar war, war belastend. Ich habe dann meinen engsten Kollegen reinen Wein eingeschenkt. Das brauchte ich als eine Art Ventil. Positiv war, dass sie sehr verständnisvoll reagiert haben.“ Zwei Jahre später, nachdem er in Zusammenarbeit mit einer renommierten amerikanischen Tanzabteilung einen Ausbildungskurs etabliert hat, gibt er seinen Leitungsposten ab. Er will sich auf das konzentrieren, was ihm am meisten Spaß macht: das Unterrichten. Ende 2012 gelangt er schließlich an einen Punkt, an dem der Druck zu groß wird. Auch körperlich geht es ihm nicht gut. Er löst seinen Vertag auf und kehrt zurück nach Deutschland. Im beschaulichen Eutin in Ostholstein findet er eine neue Heimat.

Sich erholen und neue Therapiewege erkunden, das steht nun zunächst im Vordergrund. Doch schon bald erwacht in dem Vollbluttänzer Bernd Michael Teichmann kehrt nach seiner aktiven Zeit als Tänzer mit der Diagnose Parkinson zurück in seine Kunst erneut der Tatendrang. Er steht wieder auf der Bühne, zusätzlich veranstaltet er in einer Fachklinik Tanzkurse für Menschen mit Parkinson. Seit einigen Monaten startet der 53-Jährige sogar beruflich noch einmal ganz neu durch und lässt sich zum Ergotherapeuten umschulen.

Glaubwürdiges Vorbild

Später möchte er mit Menschen arbeiten, die ebenfalls mit Parkinson leben. „Ich sehe die Dinge von innen heraus, das ist ein großer Vorteil“, findet er. „Ich kann keinem etwas vormachen und verstehe, worum es im Wesentlichen geht.“ Er ist sich auch sicher: Ohne seine regelmäßige Körperarbeit stünde er nicht dort, wo er heute ist. Somit könne er glaubwürdig vermitteln, dass Training und Tanz viel bewirken können. „Ich kann noch immer viel machen und bin trotz Parkinson ganz gut drauf. Sicher, es gibt Einschränkungen. Ich muss zum Beispiel an einer deutlichen Stimme arbeiten. Aber ich habe weiterhin ein Gefühl für meinen Körper und kann den Leuten demonstrieren: Da redet nicht bloß einer daher, sondern es geht wirklich, auch mit Parkinson.“ Gleichzeitig könne er als Tänzer seine Bewegungserfahrungen nutzen und Betroffene mit gezielten Übungen für die Muskulatur und die Körperspannung unterstützen.

Darüber hinaus möchte Bernd Michael Teichmann die Kreativität wecken und fördern. „Jeder hat eine künstlerische Seite. Wenn wir uns über sie ausdrücken können, lässt uns das aufleben. Darum möchte ich die Menschen anregen, aus sich herauszugehen und sich etwas zu trauen. Zumal viele Parkinson-Betroffene mehr können, als sie glauben.“ Hilfreich sei hierfür, einen Raum zu schaffen, in dem sich jeder ausprobieren könne. „Natürlich soll er innerhalb seines eigenen Rahmens nur das machen, was er kann und was er möchte“, betont er. Überhaupt sollte sich niemand an einem „du musst“ orientieren – das würde nur blockieren. „Aber ich wünsche mir, dass die Menschen innerhalb ihres eigenen Könnens an ihre Grenzen gehen. Wer das nicht tut, steckt sonst seinen Rahmen mit der Zeit immer enger.“

Es ist wichtig, in sich hineinzuhorchen, was einem persönlich gut tut.

Auf noch etwas kommt es ihm in einem Leben mit Parkinson an: „Man sollte nicht nur seine Medikamente nehmen und sich auf ihrer Wirkung ausruhen, sondern auch auf seinen Körper hören. Parkinson hat viele Gesichter. Gerade darum ist es wichtig, in sich hineinzuhorchen, was einem persönlich gut tut und ob man vielleicht noch etwas anders machen könnte. Vielen fehlt dieses Gefühl für sich. Deshalb möchte ich die Menschen auch in ihrer Eigenwahrnehmung stärken.“ Wie es nach seiner Ausbildung weitergehen wird, lässt Bernd Michael Teichmann trotz vieler Ideen auch ein bisschen auf sich zukommen. „Manchmal denke ich, ich sollte mehr zur Ruhe Bernd Michael Teichmann kehrt nach seiner aktiven Zeit als Tänzer mit der Diagnose Parkinson zurück in seine Kunst finden“, gibt er zu. „Andererseits war ich schon immer umtriebig und offen für Neues. Sicher ist eigentlich nur: Ich möchte die Umschulung schaffen und Menschen helfen, die in einer ähnlichen Situation sind wie ich. Wenn ich einen Weg finde, der das zulässt, ist es sicherlich ein guter.“

Bernd Michael Teichmann kehrt nach seiner aktiven Zeit als Tänzer mit der Diagnose Parkinson zurück in seine Kunst
Bernd Michael Teichmann kehrt nach seiner aktiven Zeit als Tänzer mit der Diagnose Parkinson zurück in seine Kunst
Bernd Michael Teichmann kehrt nach seiner aktiven Zeit als Tänzer mit der Diagnose Parkinson zurück in seine Kunst
Bernd Michael Teichmann kehrt nach seiner aktiven Zeit als Tänzer mit der Diagnose Parkinson zurück in seine Kunst
Bernd Michael Teichmann kehrt nach seiner aktiven Zeit als Tänzer mit der Diagnose Parkinson zurück in seine Kunst
Bernd Michael Teichmann kehrt nach seiner aktiven Zeit als Tänzer mit der Diagnose Parkinson zurück in seine Kunst
Bernd Michael Teichmann kehrt nach seiner aktiven Zeit als Tänzer mit der Diagnose Parkinson zurück in seine Kunst
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Bernd Michael Teichmann kehrt nach seiner aktiven Zeit als Tänzer mit der Diagnose Parkinson zurück in seine Kunst
Bernd Michael Teichmann kehrt nach seiner aktiven Zeit als Tänzer mit der Diagnose Parkinson zurück in seine Kunst

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