Mit Leib und Seele Musikerin

Autor: Torsten Bless | 03/2015

„Auf der Bühne vergesse ich den Parkinson. Alles, woran ich denke, ist Musik.“

Sie gilt seit vielen Jahrzehnten als eine der renommiertesten Musikerinnen der europäischen Jazzszene. Auch die Parkinsonerkrankung konnte Barbara Thompson nicht auf Dauer bremsen. Ehemann Jon Hiseman steht ihr seit fast 50 Jahren treu zur Seite. Barbara Gracey Thompson wurde am 27. Juli 1944 im englischen Oxford in eine musikbegeisterte Familie hineingeboren. Ihr Großvater väterlicherseits hatte sich als Pianist, die Großmutter mütterlicherseits als Cellistin einen Namen gemacht. Ihr Großonkel war stolzer Besitzer eines Musikverlags. An der Schule lernte Barbara Notenlesen, Blockflöte, Klavier und Klarinette. Schon als Kind erwachte ihre Liebe zum Jazz. „Ich besuchte ein Konzert der Duke-Ellington-Band in London und war tief beeindruckt von den Saxophonisten, besonders von Johnny Hodges. Ich beschloss, dass ich genauso spielen wollte wie er.“ Der Großonkel schenkte ihr das begehrte Instrument. Das Spielen brachte sie sich selbst bei.

Als Frau in einer Männerwelt

Als frischgebackene Studentin mischte Barbara Thompson nach 1964 in vielen professionellen Bands mit. „Die männlichen Kollegen waren erst nicht sehr begeistert, wenn ich zum Vorspielen durch die Tür kam“, erinnert sie sich. „Aber sie sahen, dass mir das Musikmachen ernst war. Es gab also keinen Grund, mich nicht zu mögen. Ich war dann immer die einzige Frau in der Band, bis heute.“

Ein Kollege mochte sie bald noch ein bisschen mehr. Im Jahre 1967 heiratete Thompson den Trommler Jon Hiseman. Um ihrem Partner beim Aufbau seiner Jazzrockband Colosseum finanziell den Rücken freizuhalten, spielte sie für ein Jahr im Orchester des Musicals „Cabaret“ mit. Eine furchtbare Erfahrung, findet sie noch heute: „Immer wieder musste ich dieselbe Musik spielen, Note für Note, Abend für Abend. Ich beschloss, künftig nur noch mein eigenes Ding zu machen. Da war ich 24.“

Thompson erspielte sich solo und als Mitglied des europaweiten United Jazz & Rock Ensembles einen Namen und gründete die Band Paraphernalia. Und sie wurde Mutter: Im Jahre 1972 kam Sohn Marcus auf die Welt, drei Jahre später Tochter Ana. Seit 2003 ist die Saxophonistin auch in Jons Band Colosseum dabei.

Ärger mit der rechten Hand

So hätte es immer weitergehen können. Doch 1996 machte der Körper ihr erstmals einen kleinen Strich durch die Rechnung. „Ich probte ein Stück, das ich eigentlich gut kannte. Aber die Finger meiner rechten Hand wollten nicht mehr so, wie ich es gewohnt war“, erzählt Barbara Thompson Mit Leib und Seele Musikerin . „Meine Ärztin vermutete einen eingeklemmten Nerv.“ Die Musikerin machte sich nicht weiter Gedanken, die aktuelle Konzertreise verlangte ohnehin ihre volle Aufmerksamkeit.
Doch so ganz mochte der Körper nicht mehr mitspielen. „‚Sie haben einen leichten Fall von Parkinson‘, sagte mir ein Neurologe nach umfangreichen Tests.“ Barbara und Jon weigerten sich, die Diagnose zu akzeptieren. „Ein Jahr lang gab ich eine Menge Geld für alternative Medizin aus. Wir haben alles Mögliche ausprobiert. Aber es half alles nichts.“

Im Juni 1998 ging das Paar in die Londoner Uniklinik. „Dort fand man heraus, dass mein Gehirn schon ernsthaft geschädigt war. ‚Sie werden mit ziemlicher Sicherheit das Saxophonspielen aufgeben müssen‘, sagte man mir.“

Immer öfter „fror“ sie ein. Ihr Gleichgewichtssinn ließ nach. Die Tabletten linderten die Beschwerden, sorgten aber für unkontrollierte Bewegungen. An eine längerfristige Planung von Auftritten war nicht mehr zu denken. Im Jahr 2001 machte Thompson ihre Parkinsonerkrankung öffentlich und ging auf Abschiedstournee.

Komponieren statt Konzerte

An ein Karriereende dachte die Künstlerin allerdings nicht im Traum. „Ich wollte meine Krankheit vergessen, und Musik gab mir eine Zuflucht.“ Sie verlegte sich verstärkt aufs Komponieren Mit Leib und Seele Musikerin . Erstmals wagte sie sich dabei an klassische Klänge. „Plötzlich begannen die Menschen, meine Musik zu spielen, von kleinen Ensembles bis zu Orchestern, Chören und Big Bands.“ Einige der Interpretationen sind mittlerweile auf dem YouTube-Kanal von Jon Hiseman zu finden. „Die Arbeit mit den Musikern macht mir große Freude.“

Im November 2009 veränderte sie die Therapie. „In der Anfangszeit hat das sehr gut geholfen, trotz Nebenwirkungen wie Übelkeit und einem niedrigen Blutdruck. Ich konnte auch wieder auftreten.“ Doch nach etwa zwei Jahren ließ die Wirkung nach.

Der erneute Wechsel der Therapie sorgte für neue Energie und Lebensfreude, glaubt man Barbara Thompson. „Mir geht es viel besser. Ich habe meine Zeit zurückbekommen.“ Im letzten Herbst ging sie mit Colosseum auf eine ausgedehnte Europatournee. „Auf der Bühne vergesse ich den Parkinson. Alles, woran ich denke, ist Musik.“

Frischer Wind im Haus

Doch mit den Touren ist jetzt Schluss. Am 28. Februar 2015 sollte das letzte Colosseum-Konzert in London stattfinden. Das Ehepaar Thompson-Hiseman habe auch so genug zu tun, ist sie überzeugt. „Wir wollen meine Kompositionen ordnen und noch mehr von ihnen produzieren lassen. Jon will sich verstärkt auf das Videodrehen verlegen, er ist sehr talentiert darin.“

Im Juni feiert Jon, einen Monat später dann Barbara den 71. Geburtstag. „Je älter wir werden, umso mehr schätzen wir einander. Wir streiten nie. Wir leben füreinander. Ohne einander wären wir verloren.“ Der Parkinson habe sie umso mehr zusammengeschweißt, bestimme aber nicht ihr gesamtes Leben. „Jon und ich lieben unsere Arbeit. Es kommt vor, dass wir uns daheim über Stunden hinweg nicht sehen, weil jeder für sich beschäftigt ist.“

Vor zwei Jahren ist frischer Wind ins Haus gezogen. „Meine Tochter Ana lebt jetzt mit ihrem Mann und ihrer dreijährigen Tochter bei uns. Immer wenn ich mich niedergeschlagen fühle, gehe ich meine Enkelin besuchen. Dann fühle ich, dass mein Leben sich lohnt.“ Noch immer friert der Körper von Barbara Thompson regelmäßig ein. Wenn sie allein auf Reisen ist, fährt ein Zug schon mal ohne sie ab, wenn sie niemanden findet, der ihr rechtzeitig hineinhilft. „Die meiste Zeit über vergesse ich aber meinen Parkinson.“

Mehrmals die Woche geht das Ehepaar schwimmen. Immer aktiv bleiben, das rät sie auch anderen Betroffenen. „Einfach nur herumsitzen ist das Schlimmste, was Sie machen können. Umso weniger können Sie später tun. Bewegen Sie sich so viel, wie es nur geht.“

„Bewegen Sie sich so viel, wie es nur geht.“

Mehr zu Barbara Thompson Mit Leib und Seele Musikerin und Jon Hiseman gibt es im Internet (auf Englisch) unter www.temple-music.com

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