Neue Kraft für Stimme und Gleichgewicht

Autor: Torsten Bless | 03/2015

Die Veränderungen schleichen sich langsam ein, und das Umfeld bemerkt sie zuerst: Viele Menschen mit Parkinson machen nur noch kleine Bewegungen oder haben Probleme mit dem Gleichgewicht. Andere sprechen nur noch leise oder nuscheln, und man versteht sie kaum noch. Sie selbst denken häufig jedoch, alles sei in bester Ordnung, und können gar nicht so recht verstehen, was ihre Angehörigen denn haben. „Die Betroffenen haben nach wie vor das Potenzial, sich größer zu bewegen oder lauter zu sprechen, aber es geschieht nicht mehr automatisch“, sagt Privatdozent Dr. med. Georg Ebersbach, Chefarzt des neurologischen Fachkrankenhauses für Bewegungsstörungen und Parkinson in Beelitz-Heilstätten. „Symptome wie Sprech- und Gleichgewichtsstörungen sollte man frühzeitig trainieren, bevor Behinderungen auftreten“, sagt er. Mit der LSVT-LOUD- und der LSVT-BIG-Therapie stehen erfolgreiche Ansätze bereit, um die mit der Realität nicht mehr übereinstimmende Selbstwahrnehmung zurechtzurücken und das Gehirn neu einzustellen.

Die Sprachfähigkeit verbessern

Die Abkürzung „LSVT“ steht für „Lee Silverman Voice Treatment“. Ihren Namen verdankt die 1987 in den USA entwickelte Behandlungsform der ersten damit behandelten Patientin. Bei der LSVT-LOUD-Therapie hält der Logopäde oder der Sprachtherapeut die Betroffenen an, laut zu sprechen und sich überdeutlich zu artikulieren. An 16 Terminen arbeiten Patient und Behandler Patient und Therapeutin bei der LSVT-Therapie jeweils eine Stunde miteinander. Darüber hinaus übt der Betroffene täglich eine weitere Stunde allein, an den Wochenenden sogar zwei. In zahlreichen Studien wurde nachgewiesen, dass sich die Lautstärke und Verständlichkeit nach der intensiven Behandlung bei den meisten Betroffenen verbessert hatte, auch der Gesichtsausdruck wird lebendiger. Die Wirkung hält bis zu zwei Jahre an, dann empfiehlt sich eine Auffrischung. Die Kosten werden von den Krankenkassen übernommen.

Große Bewegungen einüben

Um die segensreiche Wirkung der LSVT-LOUD-Therapie auch auf den Bewegungsapparat zu übertragen, wurde die LSVT-BIG-Therapie entwickelt. „Sie wird bei Betroffenen im leichten bis mittleren Stadium angewandt“, sagt Dr. Georg Ebersbach. „Für Patienten mit schweren Gleichgewichtsstörungen, die Hilfsmittel wie einen Rollator brauchen, ist sie eher nicht geeignet.“ Auch für Menschen, die zusätzlich zum Parkinson noch unter weiteren Erkrankungen wie Gelenkschäden oder einem schwachen Herzen litten, sei die Therapie zu anstrengend. Denn die Einzelbehandlung ist – ähnlich wie die LSVT-LOUD-Therapie – mit vier Wochen zwar kurz, aber intensiv. „Das Zusammenspiel zwischen Therapeuten und Patienten ist dabei sehr eng. Der Therapeut macht die Übung vor und trainiert sie mit dem Patienten, teilweise auch gemeinsam. Er bestärkt den Betroffenen, sagt ihm aber auch, wo er noch mehr Einsatz zeigen muss“, erläutert der Experte aus Brandenburg. „Erst werden sehr einfache Bewegungen vollzogen, man streckt zum Beispiel den Arm aus. Dann werden Rumpf, Arme und Beine gleichzeitig bewegt. Später werden Alltagshandlungen geübt, wie zum Beispiel Bettenmachen oder Regale einräumen, und das alles mit möglichst weit ausschwingenden Bewegungen.“ Die Mühe lohnt sich: „Je mehr man die Bewegungen trainiert, umso mehr gehen sie in Fleisch und Blut über“, hat Dr. Ebersbach erfahren. Viele Patienten, die das volle Trainingsprogramm durchlaufen haben, finden automatisch wieder in ihren normalen Bewegungsablauf zurück. „Es fällt ihnen leichter, den Haushalt zu machen oder im Garten zu arbeiten.“

Je mehr der Betroffene die Bewegungen trainiert, umso mehr gehen sie in Fleisch und Blut über.

Am Ball bleiben lohnt sich

Die Erfolge sind durch eine von der Deutschen Parkinson Vereinigung (dPV) geförderte und im Jahr 2010 veröffentlichte Studie belegt. Sie zeigt, dass Betroffene nach einer LSVT-BIG-Therapie über einen größeren Bewegungsradius verfügten als andere, die in einer vergleichbaren Intensität Nordic-Walking oder zu Hause ein nicht überwachtes Übungsprogramm betrieben hatten. Die Wirksamkeit ließe sich durchaus mit der von Parkinsonmedikamenten vergleichen, so die Wissenschaftler. Noch nicht befriedigend geregelt ist die Übernahme der Kosten, wie Dr. Ebersbach bedauert: „Die Ergotherapeuten können sie abrechnen, die Physiotherapeuten nicht. Die privaten Kassen übernehmen die Kosten auf Antrag. Die gesetzlichen Krankenkassen lehnen die Übernahme häufig ab.“ Häufig bleibt da bloß, die Therapie beim Physiotherapeuten selbst zu bezahlen. „Eine Größenordnung von 800 Euro ist für eine Intensivbehandlung ganz realistisch“, schätzt Dr. Ebersbach. „Doch wenn man einen guten Therapeuten hat, der sein Handwerk versteht, kann man als Patient davon enorm profitieren.“

Auf YouTube erklärt Stefan Bunger, Physiotherapeut aus Hanau, die LSVT-BIG-Therapie.

Die englischsprachige Seite www.lsvtglobal.com listet alle LSVT-LOUD und LSVT-BIG-Fachkräfte in Deutschland auf. Die entsprechende Suchseite finden Sie auch unter bit.ly/lsvt-therapeuten

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