„Offenheit tut gut.“

Autor: Thorsten Bless | 09/2015

„Es ist wichtig, dass man jeden Tag seine Gymnastik macht. Wer rastet, der rostet.“

Mit 40 stellten sich die ersten Symptome ein, mit 43 erhielt Brigitte Leicht ihre Parkinsondiagnose. Heute ist die pensionierte Grundschullehrerin aus Leverkusen 66 Jahre alt, hat gelernt, geduldiger mit sich selbst zu werden und sich trotz Erkrankung über „viele Sternstunden zu freuen“. Reiten ist ihr größtes Hobby seit Kindertagen, von ihren Brüdern hat sie eine Leidenschaft für den Fußball geerbt, sie singt und turnt und radelt und trifft sich regelmäßig mit ihren Freundinnen: Brigitte Leicht lässt sich vom Parkinson nicht unterkriegen, selbst wenn es mal nicht so einfache Tage gibt.

Ihr Ehemann Wolfgang unterstützt sie nach Kräften. Sie haben sich 1971 in Hannover kennengelernt, sechs Jahre später gaben sie sich das Jawort. Als ihr Mann 1979 eine Stelle bei einem großen Chemiekonzern bekam, zog das Paar nach Leverkusen. Schnell fand sie wieder eine Stelle als Lehrerin an einer Grundschule. Seit 1988 wohnen die beiden in einem eigenen Haus direkt am Rhein. Noch immer genießen sie gerne bei einem Glas Wein das malerische Flusspanorama vor der Tür.

Ehrliche Antworten geben

Eines Tages, kurz vor ihrem 40. Geburtstag, wunderte sich eine Freundin: „Bist du vom Pferd gefallen?“ Eine merkwürdige Frage, fand Brigitte Leicht, bis ihr selbst auffiel, dass sie schon eine geraume Zeit ihr Bein nachgezogen hatte. Die Orange schälte sie plötzlich mit der linken statt mit der rechten Hand. „Beim Reitturnier unseres Vereins habe ich das Protokoll geschrieben. Plötzlich kam ich nicht mehr mit. Meine Schrift wurde immer kleiner.“

Für Frau Leicht begann eine dreijährige Odyssee. „Ich bin von Pontius zu Pilatus gerannt. Aber die Ärzte fanden nichts heraus.“ Erst ein Spezialist in Bonn stellte 1992 eine Parkinsondiagnose. „Zunächst habe ich gedacht, der spinnt. Aber dann war ich froh, dass ich endlich etwas sagen konnte. Die Leute dachten schon länger, ich wäre betrunken, wenn ich das Geld mal wieder nicht aus dem Portemonnaie herausbekam. Ich bin dann gleich ganz offen damit umgegangen. Das tat mir gut.“

„Die Kinder liebten es geradezu, für mich einzuspringen, wenn meine Schrift wieder mal wackelig wurde.“

Auch in der Schule offenbarte sie sich. „Die Kinder fragten, warum ich mich so komisch bewegte, sie wollten alles genau wissen“, schildert die ehemalige Lehrerin. „Weil ich ihnen ehrliche Antworten gab, verstanden sie alles. Sie liebten es geradezu, für mich einzuspringen , wenn meine Schrift an der Tafel wieder mal wackelig wurde.“ Der Beruf blieb ihre Berufung, nach ihrer Pensionierung half sie sechs Jahre ehrenamtlich in der Ganztagsbetreuung aus.

Keine Hektik mehr

Wenige Monate nach Start der Medikamenteneinnahme hatte sie sich einen Großteil ihrer alten Beweglichkeit zurückerobert. Über die vielen Jahre hinweg gelang es ihr, sich mit ihrem „Begleiter“ zu arrangieren. Mit Überbewegungen und Verkrampfen der Gliedmaßen hat sie häufiger zu tun, seltener mit Zittern. Ab und an gab es Rückschläge zu verkraften. „Ich bin nicht immer vorsichtig genug“, räumt Brigitte Leicht ein. „Ich falle sehr oft hin, dabei passiert mir gottlob selten etwas. Einmal ist es allerdings schiefgegangen, in der Küche bin ich voll auf die Fliesen geknallt, da war der Oberschenkelhals durch.“

Es gelang ihr, sich auf die Grenzen ihres Körpers einzustellen. „Ich habe gelernt, mit mir geduldiger zu sein , auch wenn es mir ein bisschen schwergefallen ist“, erzählt Frau Leicht. „Doch wenn ich in Hektik gerate, komme ich in keinen Schuh. Wenn ich einen Termin habe, nehme ich lieber einen Bus früher. Wenn es zur S-Bahn knapp wird, darf ich nicht rennen. Ich fahre nur noch da Fahrrad, wo mir das Gelände vertraut ist, etwa zum Arzt oder zum Einkaufen. Und wenn ich den Sicherheitsgurt nicht anbekomme, weiß ich, dass der Wagen stehen bleiben muss.“ Mit einem Gleichgewichtstraining bei der Physiotherapie lernt sie nun, Stürze zu vermeiden. „Da balanciere ich auf Gummikissen. Es ist aber auch wichtig, dass man jeden Tag zu Hause seine Gymnastik macht. Wer rastet, der rostet.“ Auch an ihrer schon mal leisen und undeutlichen Stimme arbeitet sie regelmäßig. Sie hat die Lee Silverman Voice Treatment (LSVT) durchlaufen und ist in einem Chor aktiv. „Meine Stimme wird durch die anderen Mitsänger unterstützt. Das ist Balsam für meine Seele.“

„Vor fünf Jahren haben wir mal eine Parkinsonreise mit Betroffenen und ihren Familienmitgliedern nach Samos gebucht. Eine sehr schöne Erfahrung.“

Seele baumeln lassen

Ihrer Liebe hat der Parkinson nichts anhaben können, die Leichts sind auch nach 44 Jahren noch ein Herz und eine Seele. „Mein Mann ist da langsam reingewachsen“, erzählt Brigitte Leicht. „Manchmal hilft er mir morgens, die Knöpfe zuzumachen oder die Socken anzuziehen, wenn es schnell gehen soll. Wir fahren sehr viel Rad. Vor fünf Jahren haben wir mal eine Parkinsonreise mit Betroffenen und ihren Familienmitgliedern nach Samos gebucht. Das war eine sehr schöne Erfahrung.“ Bei aller Zweisamkeit lassen sich die langjährigen Partner aber auch ihre Freiräume. „Ausgedehnte Wanderungen macht mein Mann jetzt mit einem guten Freund.“ Dafür geht sie mit einer Freundin zum Fußballgucken ins Stadion von Bayer Leverkusen oder fährt mit ihrem Kreis zu Reitturnieren wie dem CHIO in Aachen.

„Wenn ich den Sicherheitsgurt nicht anbekomme, weiß ich, dass der Wagen stehen bleiben muss.“.

Prinz Peko heißt seit vielen Jahren ihr treuer tierischer Begleiter. „Ich hab ihn schon als Fohlen bekommen“, sagt die passionierte Hobbyreiterin. Mittlerweile ist er 24 Jahre alt und damit für Pferdeverhältnisse ein betagter Herr. „Man kann mit ihm locker durchs Gelände bummeln und dabei gemütlich die Seele baumeln lassen.“

„Es ist, wie es ist.“

Alles in allem habe sie auch mit der Erkrankung ein schönes Leben, findet Brigitte Leicht. „Parkinson zu akzeptieren, bedeutet zwar, sich damit abzufinden, dass man sein ganzes Leben lang auf Medikamente angewiesen ist. Doch sie ermöglichen mir viele Sternstunden“, resümiert sie. „So geht es mal auf und mal ab, mal besser und mal schlechter. Aber es gibt schlimmere Einschränkungen. Es ist, wie es ist, und wenn ich es nicht ändern kann, dann muss ich es akzeptieren.“

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