Schicksal als Chance sehen

Autor: Torsten Bless | 06/2015

Lehrer und Schulleiter, Schlagzeuger und Tellerwäscher, Heizer und Hilfsarbeiter: In seinen 68 Jahren hat der gebürtige Sachse Rainer Hans Drozd einen spannenden Lebensweg in zwei Republiken zurückgelegt. Mit der Parkinsondiagnose vor acht Jahren entdeckte der Wahlberliner schlummernde schriftstellerische Talente.

Blues in Nossen

Rainer Hans Drozd kam 1946 in Nossen, einer kleinen Gemeinde in der Nähe der Porzellanstadt Meißen, auf die Welt. Als der Kleine fünf Jahre alt war, floh der Vater aus der jungen DDR. „Ich hab bei den Großeltern gelebt und mir mit Büchern und Musik meine eigene Welt geschaffen“, erinnert er sich heute. Das Westradio öffnete Rainer ein Tor zum Blues und zum Rock ’n’ Roll. „Meine Karl-May-Bücher tauschte ich gegen meine erste Single von Elvis Presley ein.“ Mit 15 gründete er mit anderen Jungen aus dem Ort seine erste Band. Später spielte er mit dem Jugendtanzorchester Meißen die offiziell unerwünschte Westmusik in den Landgasthöfen der Umgebung. Einmal, irgendwann im Jahr 1966, kam eine hübsche, junge Frau zum Tanz und verguckte sich in den Schlagzeuger. „Im Juli 1967 haben Petra und ich geheiratet. Ein Jahr später kam unsere Tochter Claudia auf die Welt.“

Vom Spüler zum Schuldirektor

Nach Ende des Studiums in Nossen und Dresden ging Drozd als Lehrer für Deutsch und Werken in die nahe gelegene Universitätsstadt Freiberg. Doch verließ ihn nie das Gefühl, „mit zwei Zungen“ reden zu müssen. „Beim Elternabend sagte ich meine drei Sätze auf Parteilinie auf und bin dann zum Unterricht übergegangen.“ Zu Silvester 1980 stellten Rainer und Petra Drozd Schicksal als Chance sehen einen Ausreiseantrag. „Drei Tage später haben sie mich aus dem Unterricht geholt. Für zwei Jahre musste ich als Heizer in einer Fabrik arbeiten.“ Im Jahre 1982 wurde die Familie Drozd „aus der Staatsbürgerschaft entlassen“, wie es in DDR-Deutsch hieß.

Zu Silvester 1980 stellten Rainer und Petra Drozd einen Antrag zur Ausreise aus der DDR.

Doch einmal in Westberlin angekommen, durfte Rainer Drozd nicht sofort in den alten Beruf zurück. Seine Frau fand direkt eine Stelle als Chemielaborantin, während er als Spüler in einem Restaurant und Hilfsarbeiter in einer Fabrik unterkam. „Ich hab das nicht als Schande empfunden, so konnte ich ja Geld für die Familie verdienen.“ Im September 1985 konnte er eine Lehrerstelle in der Justizvollzugsanstalt Tegel antreten. „Vier Jahre später wurde ich erst Konrektor, später Rektor an einer Grundschule in Spandau. Ich habe da unheimlich gerne gearbeitet. Die Schule lag in einem sozialen Brennpunkt. Die Kinder dort waren dankbarer als anderswo, weil nicht alle zu Hause die erforderliche Zuwendung bekamen.“

Kein Rhythmus mehr

Auch die Musik bekam ihn nach einem gelungenen Schlagzeugsolo bei der Hochzeit seiner Tochter zurück. Doch vor etwas mehr als zehn Jahren merkte ein Kollege seiner neuen Band, dass etwas nicht stimmte. „‚Mensch Rainer, du hältst den Rhythmus nicht mehr‘, sagte er mir. Ich hatte Schmerzen im Arm.“ Die vermeintliche Sehnenscheidenentzündung mochte auch nach zwei Jahren nicht verschwinden. Weitere Beschwerden kamen hinzu, schildert Drozd. „Die Kollegen konnten meine immer kleinere Schrift Schicksal als Chance sehen nicht mehr lesen. Bei einer Konferenz wusste ich einmal nicht mehr, was ich sagen wollte. Kurz danach stolperte ich auf dem Weihnachtsmarkt in Potsdam über einen kleinen Stein und schlug lang hin.“

Der Internist überwies ihn an eine Neurologin. „Nach 20 Minuten Untersuchung hat sie gesagt: ‚Klassisches Krankenbild. Sie haben Parkinson. Bitte lassen Sie sich einen nächsten Termin geben.‘ Für mich Schicksal als Chance sehen war die Botschaft sehr hart.“ In den Monaten danach fror das Gesicht zunehmend ein und ließ keine Mimik mehr erkennen. „Mir gelang es nicht mehr, Ordnung zu halten, ich steckte meine Post einfach in die Schubladen.“ So konnte es nicht weitergehen, fand der Rektor. „Bei einer Dienstbesprechung erklärte ich, dass ich Parkinson habe.“ Nachdem ihm auch eine Vertretungsstunde völlig misslang, beschloss er, das „Hamburger Modell“ zu nutzen. Das ermöglichte ihm, nach Krankheitsphasen mit einer zeitweise reduzierten Stundenzahl wieder einzusteigen. „So konnte ich bis zu meiner Pension mit 65 Schulleiter bleiben.“

„Ich lege bei den Lesungen mein Herz und meine Seele ins Schaufenster. In solchen Momenten vergesse ich meine Krankheit.“

Neue Talente geboren

Der Ruhestand sei ihm nicht leichtgefallen, bekennt Rainer Drozd. Doch dann nahm ihn ein neuer Spezialist, ein Professor an einer Klinik in Berlin-Spandau, unter seine Fittiche. „Eine Woche hat er sich gemeinsam mit Logopäden und Physiotherapeuten genau angeguckt, wie ich laufe und spreche. Dann verschrieb er mir eine neue Therapie. Zehn Tage nach der Entlassung aus dem Krankenhaus konnte ich wieder Treppen steigen.“

Mit dem wiedergewonnenen Bewegungsspielraum fand Drozd völlig neue und erfüllende Betätigungen. „Seit einem Jahr führe ich Besucher durch eine der schönsten Kirchen Potsdams und begegne so vielen Menschen aus aller Welt. Zudem habe ich festgestellt, dass ich ein Talent zum Schreiben habe.“ Er führt Tagebuch und verfasst Gedichte wie Kurzgeschichten über seine Kindheit, seine Zeit in der DDR, auch über seine Krankheit. Bis zu sechs mit Musik umrahmte Lesungen organisiert der Autor jährlich, in Krankenhäusern, Kirchen und Schulen. „Ich lege dabei mein Herz und meine Seele ins Schaufenster. ‚Machen Sie weiter so, das ist großartig‘, sagen mir die Menschen. In solchen Momenten vergesse ich meine Krankheit.“

„Ich glaube daran, dass das Schicksal neue Chancen eröffnet. Ich glaube an die Stärke des eigenen Ich, die einen aus dem Sumpf ziehen kann.“

„Noch mehr zusammengewachsen“

Der Parkinson meldet sich im Alltag dafür umso nachdrücklicher zurück. „Petra ist da unersetzlich“, bekennt Rainer Drozd. „Das Anziehen klappt nicht, und das Essen mal so, mal so. Ich neige dazu, urplötzlich zu explodieren und dabei auch mal ein ungerechtes Wort zu verlieren.“ Seine Frau hake das schnell ab. „Durch die Krankheit sind wir noch mehr zusammengewachsen.“

Seine Lebensfreude lässt sich Rainer Drozd nicht vermiesen. „Wir wohnen in einem schönen Haus in Kladow, nahe am Wald und am Wasser. Ich geh jeden Tag ins Dorf, bei Wind und Wetter. Ich genieße jeden Moment, meine drei Enkeltöchter, die Natur, Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Ich glaube daran, dass das Schicksal neue Chancen eröffnet. Ich glaube an die Stärke des eigenen Ich, die einen aus dem Sumpf ziehen kann. Diese Stärke möchte ich auch anderen vermitteln.“

Neun Gedichte von Rainer Hans Drozd finden Sie beim Schreiber Netzwerk unter bit.ly/rainero.

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