Ausgabe 1

Selbstschutz?

Die Geschichte vom Leben mit der Schuppenflechte lässt sich nicht ohne Ausgrenzung und Stigmatisierung erzählen. „Sieht das eklig aus“, „Stecken Sie mich bloß nicht an!“, „Widerlich Ihr Ausschlag“ sind Sätze, die bei Schuppenflechte-Patienten tiefe Naben reißen. Nicht äußerlich, sondern auf der Seele. Ausgrenzung aufgrund äußerer Merkmale. Dieses Phänomen heißt Stigmatisierung. Und ist eine Spezialität von uns Menschen. Heute wissen wir: Stigmatisierung macht die Seele krank, macht einsam und traurig. Für viele Betroffene sind ausgrenzende und diskriminierende Erfahrungen schlimmer als die eigentliche Krankheit.

Verinnerlichte Ausgrenzung

In diesem Text soll es aber nicht nur darum gehen. Denn zum Glück gibt es viele bemerkenswerte Initiativen von Selbsthilfe-Organisationen. Auch der Bundesverband Deutscher Dermatologen (BVDD) setzt sich für Menschen mit Schuppenflechte ein. Er will mit „Bitte Berühren“ Vorurteile abbauen.

In diesem Text geht es um etwas, das viele (noch) nicht wissen. Nämlich darum, was passiert, wenn Ausgrenzung und Diskriminierung so selbstverständlich werden und dermaßen verinnerlicht sind, dass die Annahme einer feindlichen Welt zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird: zur Selbststigmatisierung also.

Menschen mit Psoriasis schildern immer wieder, dass sie nicht mehr ins Schwimmbad gehen, weil sie befürchten, dass sie ausgelacht werden. Sie gehen nicht mehr ins Fitnessstudio, weil sie wissen, dass die Leute abschätzig gucken werden. Sie lassen am Strand ihr T-Shirt an, weil sie wissen, was passieren wird – oder vielmehr glauben zu wissen, was passieren wird. Das ist ein wichtiger Schutzmechanismus. Wenn man sich nicht stark genug fühlt, dann hilft einem die eigene Psyche, diese Situation zu vermeiden.

Es sind diese Momente, an dem sie ein Eigenleben zu unserem Schutz entwickelt. Für unser Seelenheil. Ein Eigenleben, das im schlimmsten Fall zum Rückzug und damit zur Vereinsamung führen kann. Man hat irgendwann das Gefühl, nur bei ganz wenigen Menschen willkommen zu sein. Man zieht sich aus immer mehr Situationen zurück, an denen andere Menschen beteiligt sind. Und man macht damit seinen eigenen Kreidekreis immer enger.

Schutz vor Schmerz

Dass es Phänomene wie Selbststigmatisierung gibt, heißt allerdings nicht, dass Menschen mit Psoriasis selbst schuld an ihrer Ausgrenzung sind. Vielmehr ist es so, dass ihnen ihre Psyche eine Lösung vorgibt – und keine Wahl mehr lässt. Aus der Psychologie wissen wir, dass Vermeiden und Verzichten Lösungen unseres Selbst sind, mit Belastendem oder Bedrohlichem umzugehen. Ein Verhalten, das tief in unserer emotionalen Software einprogrammiert ist.

Unsere evolutionäre Seele kennt eine große Furcht: nicht dazuzugehören. Erfahrungen, die diese Furcht nähren oder auslösen, verhindert das soziale Gehirn mit allen Mitteln. Und wenn das heißt, heute nicht ins Schwimmbad zu gehen, dann gibt uns unser Unterbewusstsein zu verstehen, dass wir heute keine Lust aufs Schwimmen haben.

Unser Geist will uns also vor dem schützen, was uns wehtut. Dagegen angehen können wir erst, wenn wir uns dessen bewusst sind. Unser rational denkendes Ich hilft uns dabei. Und dieser Artikel. Denn dass Sie darüber nachdenken, ist gut. Ein erster Schritt, Ihren persönlichen Kreidekreis zu sehen. Keine Frage, Schutz ist gut und wichtig. Sich selbst einzusperren, allerdings nicht. Wer mit dieser Tatsache umgeht, kann etwas ändern. Um aus dem Kreislauf der Entmutigung auszubrechen, braucht es Gespräche. Mit Vertrauten, der Familie, Freunden oder Kollegen. Im Zweifel mit sich selbst. Gespräche, in denen das Wort „vielleicht“ eine wichtige Rolle spielt:

  • Denn vielleicht ist die Welt ja gar nicht so feindlich, wie ich denke.
  • Vielleicht ist den Menschen da draußen meine Schuppenflechte ja egal.
  • Vielleicht sehen sie sie gar nicht. Und wenn sie sie sehen, warum soll mich das kümmern?
  • Vielleicht sind diese Menschen völlig okay damit, wie ich bin und wer ich bin.
  • Und ganz ohne „vielleicht“ – ich bin mir sicher: Mein Leben gehört mir!

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