Symptome & Behandlung

Achtsam für Veränderungen beim Schlucken

Frau mit kurzen grauen Haaren trinkt aus einem Wasserglas

Bis zu 80 Prozent der Parkinson-Betroffenen entwickeln im Krankheitsverlauf eine Schluckstörung. Mögliche Ursachen sind unter anderem, dass zu wenig von dem körpereigenen Botenstoff Dopamin vorliegt oder bestimmte Hirnareale krankheitsbedingt verändert sind.

Quelle: PARKOUR
10 Min. Lesezeit
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Portrait julia Hirschwald

Die Logopädin Julia Hirschwald erläutert, warum Betroffene und Angehörige achtsam für Auffälligkeiten beim Schlucken sein sollten. Sie ist staatlich anerkannte Logopädin M. Sc. und Doktorandin am Trinity College Dublin, Irland.

Welche Folgen können Schluckstörungen haben?

Julia Hirschwald: Sie mindern die Freude am Essen und Trinken und insgesamt die Lebensqualität. Nicht selten ziehen sich Betroffene zurück. Trinken und essen sie aufgrund von Schluckproblemen weniger oder lassen sie bestimmte Nahrungsmittel und Konsistenzen weg, kann das zu Flüssigkeitsmangel und Mangelernährung führen und den Allgemeinzustand verschlechtern. Bleiben die Parkinson-Tabletten im Hals stecken, wirken sie weniger oder gar nicht. Oft wird auch der Speichel seltener und weniger effektiv heruntergeschluckt. Er kann sich ansammeln und aus dem Mund herauslaufen. Das wird als unästhetisch und peinlich empfunden. Letzten Endes können durch eine Schluckstörung Speichel, Flüssigkeiten und Nahrung oft nicht mehr sicher geschluckt werden. Geraten Flüssigkeiten, Teile der Nahrung oder Speichel in die Luftröhre, kann das eine Lungenentzündung auslösen. Sie ist eine der häufigsten Todesursachen bei der Parkinson-Krankheit.

Schluckprobleme (Dysphagie) bei der Parkinson-Krankheit

Bis zu 80 Prozent der Parkinson-Betroffenen bekommen im Krankheitsverlauf Probleme mit dem Schlucken.

  1. Anzeichen für Schluckstörungen sind z. B. häufiges Räuspern und Husten (insbesondere nach dem Essen), Schwierigkeiten beim Kauen und Herunterschlucken der Nahrung, eine ungleichmäßige Wirkung der Parkinson-Tabletten, da sie unbemerkt im Hals stecken bleiben können.
  2. Im Alltag wird häufiges Verschlucken oft als „normaler“ Prozess beim Älterwerden betrachtet. Doch Schluckprobleme sind ernst zu nehmen: Geraten Nahrungspartikel oder Speichel in die Luftröhre, kann das im schlimmsten Fall eine lebensbedrohliche Lungenentzündung auslösen.
  3. Eine Logopädie-Fachkraft kann Schluckprobleme erkennen. Besteht eine ernsthafte Schluckstörung wird ein individueller Trainingsplan erstellt.
  4. Mit speziellen Übungen werden die Muskeln in Mund und Hals trainiert oder die Atemmuskulatur, damit Atmung und Schlucken besser koordiniert werden können.

Oft fallen Schluckstörungen zunächst nicht auf. Woran liegt das?

Julia Hirschwald: Zumeist ist die Selbstwahrnehmung der Betroffenen krankheitsbedingt verringert. Viele halten Schluckstörungen auch für altersbedingt und „normal“. Generell wird zu wenig darüber informiert; viele wissen gar nicht, dass im Verlauf einer Parkinson-Krankheit Schluckstörungen auftreten können. Auch im Arztgespräch wird häufig nicht gezielt danach gefragt. Oder Betroffene verneinen entsprechende Fragen, weil sie keine Veränderungen wahrnehmen. Es sollte daher gezielter nachgefragt werden, auch bei den Angehörigen. Sie bemerken Veränderungen oft eher. Wer Auffälligkeiten beobachtet, sollte das unverzüglich und aktiv ansprechen. Es sollte dann eine ausführliche Schluckdiagnostik durch eine geschulte Fachperson, in der Regel eine Logopädin oder einen Logopäden, erfolgen.

Wie helfen Logopädinnen und Logopäden bei Schluckstörungen?

Julia Hirschwald: Sie führen eine ausführliche Diagnostik durch, planen basierend auf den Ergebnissen die individuelle Therapie und setzen sie um. Ziel ist, die Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme für die Betroffenen (wieder) möglichst sicher, effizient und angenehm zu gestalten. Letztlich gilt es, ihre Lebensqualität zu verbessern oder möglichst lange zu erhalten.

Nehmen Sie mögliche Anzeichen für Schluckstörungen ernst:

  • Räuspern, Husten oder eine belegte, feuchte Stimme während oder nach dem Trinken und Essen
  • Schwierigkeiten beim Kauen der Nahrung
  • Nahrung bleibt im Hals stecken
  • schwankende Wirksamkeit oral eingenommener Parkinson-Medikamente
  • wiederholte Lungenentzündungen
  • ungewollte Gewichtsabnahme über mehrere Monate hinweg
  • geringes Körpergewicht bzw. ein Body-Mass-Index (BMI) unter 20

Eine parkinsonbedingte Demenz kann die Wahrscheinlichkeit für Schluckstörungen erhöhen.

Welche Therapieoptionen gibt es?

Julia Hirschwald: Häufig wird angenommen, dass infolge der Parkinson-Krankheit die am Schlucken beteiligten Muskeln zu schwach sind und gekräftigt werden müssen. Solch ein Krafttraining ist allerdings nicht immer zielführend. Anstelle einer Muskelschwäche kann auch eine Koordinationsstörung der schluckrelevanten Strukturen vorliegen. Dementsprechend sollten die Übungen in der Schlucktherapie sorgfältig ausgewählt werden. Zwei Therapieansätze, die Studien zufolge das Schlucken bei der Parkinson-Krankheit positiv beeinflussen können, sind z. B. LSVT LOUD®, eine spezielle Sprech- und Stimmtherapie für Parkinson-Betroffene, und ein Training mit einem Gerät (EMST), das einem Asthma-Inhalator ähnelt. Manchmal kann es auch hilfreich sein, die Parkinson-Medikamente oder die Konsistenz von Nahrungsmitteln und Flüssigkeiten anzupassen oder bestimmte Schlucktechniken anzuwenden. Gegebenenfalls kann hochkalorische Nahrung zugeführt werden.

Ernährungstipps bei Parkinson-bedingten Schluckbeschwerden

  • Essen Sie konzentriert. Legen Sie den Fokus ganz aufs Essen, ohne dabei zu sprechen. Stellen Sie Störquellen wie ein laufendes Radio während der Mahlzeiten ab.
  • Sitzen Sie aufrecht.
  • Lassen Sie sich Zeit.
  • Trennen Sie Essen und Trinken.
  • Nehmen Sie kleine Bissen und Schlucke.
  • Wählen Sie sämige oder weich gekochte Speisen.
  • Flüssigkeiten können Sie mit speziellen Mitteln aus der Apotheke andicken.
  • Vermeiden Sie bröselige Lebensmittel wie Vollkornbrot und Nüsse, verzichten Sie auf Mischkonsistenzen wie klare Suppen mit Einlage oder Müsli mit Milch.

Was können Betroffene selbst tun?

Julia Hirschwald: Sie sollten sehr aufmerksam auf mögliche Probleme beim Schlucken achten. Konkrete Übungen kann ich pauschal nicht empfehlen – es braucht immer eine individuelle, an die Symptomatik angepasste und logopädisch angeleitete Therapie. Generell möchte ich Parkinson-Betroffene und ihre Angehörigen ermutigen, einen Verdacht auf eine Schluckstörung im Arzttermin unverzüglich zu äußern. Wer in logopädischer Behandlung ist, kann das Thema auch dort ansprechen. Je früher die Therapie beginnt, desto besser sind die Aussichten, dass die Schluckfunktion wiederhergestellt und möglichst lange erhalten bleiben kann.

Parkinson-Krankheit und Schluckstörungen

  • Wie häufig sind Schluckstörungen bei der Parkinson-Krankheit?
    Bis zu 80 Prozent der Parkinson-Betroffenen entwickeln im Krankheitsverlauf eine Schluckstörung.
  • Können Schluckstörungen die Wirkung von Parkinson-Tabletten beeinträchtigen?
    Ja. Bedingt durch Probleme beim Schlucken können Tabletten – oft unbemerkt – im Hals stecken bleiben. Sie wirken dann weniger oder gar nicht, da ihr Wirkstoff nicht vom Körper aufgenommen werden kann.
  • Was sind Anzeichen für Schluckstörungen bei der Parkinson-Krankheit?
    Sie können sich unter anderem durch häufiges Räuspern oder Husten (insbesondere nach dem Essen) bemerkbar machen. Auch das Kauen und Herunterschlucken der Nahrung können Probleme bereiten. Oder die Parkinson-Tabletten wirken ungleichmäßig, weil sie im Hals stecken bleiben.
  • Wie gefährlich sind Schluckstörungen bei der Parkinson-Krankheit?
    Probleme mit dem Schlucken sind sehr ernst zu nehmen: Geraten dabei Speichel, Flüssigkeiten oder Nahrungspartikel in die Luftröhre, kann das im schlimmsten Fall eine lebensbedrohliche Lungenentzündung auslösen.
  • Was hilft gegen Schluckstörungen bei der Parkinson-Krankheit?
    Nach einer sorgfältigen Diagnostik kann mithilfe spezieller Übungen das sichere Schlucken trainiert werden. Ein erprobter Ansatz bei Parkinson-bedingten Schluckstörungen ist zum Beispiel LSVT LOUD®, eine spezielle Sprech- und Stimmtherapie.
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