Migräne und Vorurteile: Wenn unsichtbarer Schmerz auf viele Meinungen trifft
Es gibt Krankheiten, die sieht man sofort. Ein Gipsbein zum Beispiel. Zack, da hat man volles Mitgefühl auf seiner Seite. Erkältung? Hört man spätestens beim dritten Niesen. Dann gibt es Migräne. Die sieht man nicht. Die hört man vielleicht mal. Genau da beginnt das Problem.
Denn was unsichtbar ist, wird in unserer Welt erstaunlich schnell zu Einbildung, Übertreibung oder Drama erklärt. Willkommen im Alltag mit Migräne. Und ja: Man kann lernen, damit umzugehen – aber leicht ist das nicht.
„Du siehst doch gar nicht krank aus“
Dieser Spruch ist einer meiner Favoriten. Wirklich.
Wie gut, dass mich keiner sieht, wenn ich mich in mein Kämmerlein zurückziehe.
In meinem Körper passiert während einer Migräneattacke ein kleines neurologisches Feuerwerk. Nerven reagieren überempfindlich, das Gehirn läuft im Ausnahmezustand. Nur eben ohne Pflaster im Gesicht. Schade eigentlich. Und genau deshalb entsteht dieses Gefühl: Man wird nicht ernst genommen, weil man äußerlich noch „funktioniert“.
„Nimm doch einfach eine Tablette“
Wenn sich Migräneattacken anfühlen würden wie normale Kopfschmerzen, wäre mein Leben deutlich einfacher. Viele stellen sich das ungefähr so vor: Kopfschmerz, Tablette, weitermachen. Die Realität sieht aber anders aus. Oft setzt mich die Migräne mehrere Tage völlig außer Gefecht. Nichts geht mehr, wirklich gar nichts. Tabletten helfen manchmal – und manchmal auch nicht.
Mein Kopf tut nicht weh, weil er will, sondern weil Migräne eine komplexe neurologische Erkrankung ist. Das wissen die meisten Menschen nicht – und manchmal braucht es einfach ein bisschen mehr Information, damit Verständnis entstehen kann.
„Du bist einfach empfindlich!“
Stimmt. Mein Gehirn auch. Leider! Ich hätte es auch gern anders. Wirklich!
Migräne bedeutet bei mir, dass Reize lauter, heller und intensiver ankommen als bei anderen Menschen. Das ist keine Charaktereigenschaft, das ist Teil dieser Krankheit. Mehr zusammenreißen hilft genauso wenig wie ein „Versuch mal, nicht so viel daran zu denken“.
„So schlimm kann das doch nicht sein.“
Ich habe mich oft unverstanden gefühlt. Im Freundeskreis. Bei Bekannten. Im Job. Und irgendwann kam der Punkt, an dem ich gemerkt habe: Ich bilde mir das nicht ein.
Das Schwierige ist nicht nur der Schmerz selbst, sondern ständig erklären zu müssen, warum man absagt, warum man geht, warum man still wird, warum man plötzlich nicht mehr funktioniert, warum einem manchmal die Worte fehlen und man orientierungslos wirkt – mitten in der heilen Welt der Gesunden.
„Mit Kopfschmerzen bleibt man doch nicht mehrere Tage zuhause.“ Oder: „Trink mehr.“
Wie schön wäre es, wenn Wasser Migräne heilen würde!
Warum ich mein Umfeld verändert habe
Irgendwann kostet Rechtfertigen einfach zu viel Kraft. Man resigniert und lässt irgendwann los. Ich habe in den letzten Jahren viele Kontakte losgelassen. Aus Selbstschutz. Ich möchte nicht mehr auf Unverständnis treffen, ich möchte mir diese ganzen Ratschläge nicht mehr anhören.
Menschen, die dir immer wieder sagen, dass du übertreibst, bringen dich dazu, an dir selbst zu zweifeln. Migräne ist schon anstrengend genug. Man muss nicht zusätzlich noch beweisen, dass man wirklich Migräneattacken hat. Heute habe ich lieber weniger Menschen um mich herum, dafür welche, die nicht diskutieren, wenn ich sage: „Heute geht es nicht.“ Und das ist tatsächlich eine Art von Frieden.
Migräne braucht Verständnis, keine Bewertung
Früher habe ich versucht, jedem zu erklären, wie ich mich fühle, wenn ich eine Migräneattacke habe. Heute entscheide ich je nach Energielevel: Meistens erkläre ich nicht, manchmal sage ich noch kurz etwas dazu. Manchmal nutze ich auch eine kleine Lüge. Es ist manchmal der Weg des geringsten Widerstands, und für mehr fehlt mir eben oft die Kraft. Und das ist auch okay. Man muss Migräne nicht fühlen können, um sie ernst zu nehmen. Aber: Man könnte akzeptieren, dass ich gerade nicht kann.
Die größte Veränderung kam, als ich verstanden habe, dass nicht jeder Mensch meine Migräneattacken komplett nachvollziehen muss. Aber Respekt sollte immer möglich sein.
Und vielleicht auch ein bisschen Humor, weil man sonst irgendwann anfängt, mit seinen Rollläden zu diskutieren. Nicht wörtlich – eher so: Wenn alles zu laut, zu hell und zu viel ist, werden sogar die kleinsten Dinge plötzlich riesig. Dann hilft manchmal nur noch ein Schmunzeln, damit es nicht komplett dunkel wird.
Eure Lena
Disclaimer: Bei diesem Beitrag handelt es sich um die persönlichen Erfahrungen der betroffenen Person. Die Aussagen basieren auf individuellen Erlebnissen und stellen keine allgemeingültigen Empfehlungen dar.
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