Mein Leben, meine Grenzen: Wie ich meinen Weg mit Migräne finde
Und damit geht auch der Gedankenstrudel los: „Sollte ich Akutmedikation nehmen? Wenn ja, wann? Kann ich so überhaupt morgen zur Arbeit gehen? Was denken meine Kolleginnen und Kollegen, wenn ich mich krankmelde? Sollte ich den Yoga-Kurs morgen besser gleich absagen? Und meine Wochenendpläne sind dann vielleicht auch zu viel?“ Und das ist erst der Anfang. Der Schmerz in meinem Kopf kommt an diesem Abend zwei Stunden später.
Mit Migräne leben heißt für mich, jonglieren zu lernen
Ich habe mittlerweile seit mehreren Jahren Migräne und lerne immer noch, wie ich damit trotzdem selbstbestimmt leben kann. Besser gesagt:
Wenn man so drüber nachdenkt, dann ist das ganz schön viel. Und nicht immer kann ich alle Bälle in der Luft halten. Mindestens einer fällt immer runter – das ist nur eine Frage der Zeit. Und ich musste lernen, dass das okay ist.
Pläne machen – auch wenn die Migräne dazwischenkommen kann
Ich bin oft wütend und traurig darüber, dass mir diese Erkrankung so viele Steine in den Weg legt. Sie nimmt mir so viel Zeit und ein Stück weit Freiheit, Leichtigkeit, Vorfreude und Lebensqualität.
Als die Diagnose ganz frisch war und meine Attackenanzahl mit jedem Monat immer mehr wurde, da habe ich mich irgendwann wie eine Schnecke in meinem Häuschen versteckt und bin da nicht mehr herausgekommen. Ich bin nicht mehr zum Sport gegangen, habe mich nicht mehr mit Freunden verabredet und Familientreffen abgesagt, aus Angst, dass all das meine Migräne triggern könnte.
Die Krux: Ich habe trotzdem Attacken bekommen. Und mich gleichzeitig ziemlich überfordert, einsam und alleine gefühlt. Mittlerweile mache ich wieder Pläne und erinnere mich daran:
Migräne beeinflusst mich immer, nicht nur während Attacken
Das Schlimme an der Erkrankung ist für mich nicht einmal der Schmerz an sich, sondern vielmehr, dass sie mein ganzes Leben beeinflusst und so viel Raum einnimmt. Meine ersten Gedanken am Morgen gelten der Migräne: „Wie fühle ich mich heute? Bin ich fähig, meinen Alltag zu wuppen? Bahnt sich schon wieder die nächste Attacke an?“.
Den Tag über ist es ein ständiges In-mich-hineinhorchen und Abwägen, ein Drahtseilakt, die Grenzen meines Körpers nicht zu überschreiten. Und abends ist mein Nervensystem dann oft so überreizt, dass ich mich nur noch nach Ruhe sehne.
Ich bin jung, Mitte 20, ich sollte platzen vor Energie und Tatendrang – die Realität ist, dass ich das Gefühl habe, oft mit angezogener Handbremse zu fahren. Migräne ist kräftezehrend, sie laugt aus und macht mich müde. Auch in Zeiten, in denen ich gerade keine Attacke habe.
Ich bin mehr als nur meine Migräne
Wenn Migräne bei mir eins ist, dann, dass sie niemals konstant ist. Sie macht, was sie will, wann sie will und wie sie es will. Dieses Unkontrollierbare fordert mich sehr.
Ich kann allen Betroffenen nur empfehlen, einfühlsam mit sich selbst zu sein und sich nicht die Schuld an der Erkrankung zu geben, vor allem nicht in schlechten Phasen.
Migränepatientin Leonie
Fakt ist: Die Migräne hat meinen Lebensstil stark verändert. Kein Alkohol, keine langen Partynächte, Konzerte und keine reizüberflutenden Cafés, Restaurants und Läden mehr. Stattdessen ruhige Abende auf der Couch, regelmäßige Essens- und Schlafenszeiten und Meditationspausen. Ja, mein Körper funktioniert anders. Aber anstatt das zu ignorieren, höre ich hin. Deswegen hat Selbstfürsorge auch nie etwas mit Schwäche zu tun.
Im Gegenteil: Die Migräne hat mich stärker gemacht. Darin, für mich, meine Bedürfnisse und Grenzen einzustehen, Schmerzen und Leid dank individueller Akutmedikation und Prophylaxe nicht immer aushalten zu müssen und immer weiterzumachen.
Darauf bin ich stolz. Denn auch wenn ich meinen Lebensstil an die Erkrankung angepasst habe, möchte ich nicht, dass sie definiert, wer ich bin.
Eure Leonie
DE-NEUM-260139