Tanja riecht an einem Busch Lavendel um sich zu beruhigen
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Leben mit Migräne

Migräne und Geruch – wenn die Nase zu viel wahrnimmt

13 min · Juli 2026 · Tanja ·

Manchmal reicht ein Parfum im Fahrstuhl. Der Geruch von Putzmittel im Büro. Hallenluft, Chlor, Schweiß, Kunststoff, Duftkerzen. Und plötzlich merkst du: Da passiert etwas. Dein Kopf wird schwerer, dein Körper angespannter, dein Nervensystem geht auf Empfang.

Viele Menschen mit Migräne kennen diese besondere Geruchsempfindlichkeit. Sie ist keine Einbildung und kein „Stell dich nicht so an“. Bei Migräne kann das Gehirn Reize besonders intensiv verarbeiten – dazu gehören Licht, Geräusche, Berührungen und eben auch Gerüche.

Es fing lange vor Migräne an

Schon lange bevor meine erste richtige Migräneattacke kam, war ich geruchsempfindlich. Sehr. Als ich vor 30 Jahren in einer Rehaklinik anfing zu arbeiten, wusste ich noch nicht, was das bedeutet. Ungeduschte Patienten, stinkende Socken, Körpergerüche, aggressive Parfums, Badezusätze, Chlor – all das hat mich extrem gestresst. Damals dachte ich einfach: Meine Güte, bist du empfindlich. Heute weiß ich: Es war vermutlich ein früher Hinweis darauf, wie sensibel mein Nervensystem reagiert.

Auch als Kind war ich empfindlicher als andere. Das Schild im Pullover, das mich wahnsinnig machte. Der kratzende Stoff, den meine Freundinnen einfach anzogen – während ich ihn kaum ertragen konnte. Für mich war ein weiches Innenfutter wichtiger als eine schicke Jacke.

Und dann meine Kindheit in einer halbitalienischen Familie: laut, lebhaft, alle reden gleichzeitig. Ich habe mich oft zurückgezogen. „Was hat sie denn schon wieder?“ war ein Satz, den ich öfter gehört habe.

Heute sehe ich das anders: Das war kein Defizit. Das war meine Sensibilität – dieselbe, die mich später als Therapeutin geprägt hat: zu spüren, wie sich ein Patient fühlt, noch bevor er es ausspricht.

Warum Gerüche Migräne verstärken können

Das Migräne-Gehirn ist besonders: Häufig kann es Reize intensiver verarbeiten. Geräusche klingen lauter. Licht wirkt greller. Gerüche dringen tiefer. Das hat einen evolutionären Hintergrund: Wer in der Gruppe mehr wahrnimmt, wer Gefahren früher riecht, Stimmungen früher spürt – der war überlebenswichtig.

Das Problem entsteht, wenn das Nervensystem dauerhaft im Alarm ist. Und dann kommt der Tiger ins Spiel.

Der Tiger und das Alarmsystem

Stell dir vor, ein Tiger steht vor dir. Dein Nervensystem schaltet sofort auf Maximum: Du hörst genauer hin, siehst schärfer, riechst intensiver. Alle Sinne auf Empfang – weil es ums Überleben geht.

Das Problem: Unser Nervensystem unterscheidet im Alltag nicht immer zwischen echter Gefahr und dem Dauerstress. Schlafmangel, Sorgen, Termindruck, die Angst vor der nächsten Attacke können das System in Alarmbereitschaft halten.
Und wenn der Alarm an ist, sind die Sinne automatisch hochgefahren. Alles wird lauter, greller, intensiver – nicht, weil sich die Welt verändert hat, sondern weil das Gehirn im Schutzmodus ist.

Wenn mehrere Reize zusammenkommen

Ich habe das an mir selbst sehr deutlich erlebt. Mein Mann und mein Sohn sind beide Handballer – das bedeutet für mich: Sporthallen, Publikum, Pfiffe. Eine Handballhalle ist laut, das Licht grell, der Geruch von Schweiß und Hallenluft hängt in der Luft, und Dutzende Menschen bewegen sich gleichzeitig.

Wenn ich entspannt hineinkomme, trage ich zwar meine Ohrstöpsel – aber ich genieße den Abend. Wenn ich jedoch schon mit Anspannung hineingehe, wenn die Angst mitkommt, dass es zu viel werden könnte – dann ist es zu viel.
Nicht weil die Halle lauter geworden wäre, sondern weil mein Nervensystem bereits im Alarm war, bevor der erste Pfiff ertönte.

„Es ist selten nur ein Sinn. Häufig ist es die Kombination: Geruch, Licht, Geräusch, innere Anspannung oder Erwartungsdruck.“
Migränepatientin Tanja

Ähnliches kenne ich aus dem Restaurant. Wenn zehn Menschen gleichzeitig reden und ich mich dabei auf ein eigenes Gespräch konzentrieren muss, ist das für mein Gehirn echte Arbeit – es filtert ständig, priorisiert, verarbeitet.

Sitze ich dagegen einfach am Tisch und höre zu, während eine Person spricht: kein Problem. Es ist nicht die Lautstärke allein. Es ist die Kombination aus Lautstärke und Anforderung, die das System kippt.

Wenn Gerüche Migräne triggern

Heute stresst mich Geruchsüberflutung nicht nur – sie kann bei mir sehr schnell eine Attacke begünstigen. Parfümerien betrete ich nur noch mit Zeitlimit: maximal 15 Minuten, danach frische Luft und bewusstes, ruhiges Atmen. Läden mit Plastik- oder Chemiegeruch sind ähnlich schwierig.

Tipp
Mit Plan und Pause

Das Gehirn kann unangenehme Gerüche oft für kurze Zeit ausgleichen – aber nicht unbegrenzt.

Geh mit einem klaren Plan hinein. Was brauchst du wirklich? Wie lange möchtest du bleiben? Wo kannst du kurz raus, wenn es zu viel wird?

In meiner Handtasche habe ich immer ein kleines Döschen mit einem milden Balsam. Daran rieche ich zwischendurch. Noch hilfreicher: Ich träufle mir vorher ein paar Tropfen Lavendelöl unter die Nase. Lavendel ist für mich ein echter Anker, weil ich ihn mit Entspannung verbinde. Wenn ich ihn rieche, beruhigt sich mein Nervensystem, bevor der Stress richtig anfängt.

Putzmittel sind ein eigenes Kapitel. Ich reinige fast nur noch mit natürlichen Mitteln. Wenn etwas Scharfes nötig ist, übernimmt das mein Mann. Als wir unser Schlafzimmer gestrichen haben, habe ich bewusst ökologische Farbe gewählt. Das sind kleine Entscheidungen, die meinem Nervensystem helfen.

Was hilft, wenn du Gerüche nicht vermeiden kannst?

Manchmal lassen sich belastende Gerüche einfach nicht vermeiden. Dann hilft mir vor allem: ruhig bleiben. Ich sage mir innerlich: Das sind nur Gerüche. Sie können mir nichts anhaben. In 15 Minuten ist es vorbei. Denn zusätzlicher Stress durch die Angst vor der nächsten Attacke triggert mich erst recht. Wenn ich mit der Befürchtung in die Parfümerie gehe, dass es zu viel werden könnte, ist mein Nervensystem oft vorher schon angespannt.

Praktische Tipps bei Geruchsempfindlichkeit

  • Setze dir ein Zeitlimit, zum Beispiel in Parfümerien, Drogerien oder Läden mit intensivem Kunststoffgeruch.
  • Schaffe dir einen Gegenanker, etwa Lavendelöl, Pfefferminzbalsam oder einen Geruch, den du mit Ruhe verbindest.
  • Atme bewusst und ruhig, statt dich innerlich gegen den Geruch zu stemmen.
  • Nutze zu Hause möglichst milde Reinigungs- und Duftprodukte.
  • Plane Pausen ein, wenn mehrere Reize zusammenkommen – zum Beispiel Licht, Lärm und Gerüche.

Die andere Seite: Gerüche, die guttun

Es gibt auch die andere Seite: Gerüche, die mich tief entspannen. Frisch gemahlener Kaffee ist für mich ein Ritual – noch bevor ich einen Schluck getrunken habe. Der Duft von frisch gebackenem Brot. Die Kräuteröle bei einer Thai-Massage: Ich bin entspannt, bevor auch nur eine Hand mich berührt hat. Allein der Geruch reicht.

Mein Opa hatte früher eine Gorgonzola-Fabrik. Der Geruch einer guten Gorgonzolasoße ist für mich deshalb pure Kindheitserinnerung – und pures Wohlgefühl.

Es lohnt sich, die eigenen positiven Geruchsanker zu kennen. Wenn du weißt, was dich beruhigt, kannst du es bewusst einsetzen.

Sensibel heißt nicht schwach

Die Sensibilität, die uns manchmal erschöpft, ist oft dieselbe, die uns aufmerksam, feinfühlig und empathisch macht. Sie war immer da. Sie gehört zu uns. Die Frage ist: Wie kann ich so mit ihr umgehen, dass sie mich weniger überfordert?

Wenn Gerüche bei dir Migräneattacken begünstigen oder deinen Alltag stark einschränken, sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt darüber. Gemeinsam könnt ihr herausfinden, welche Strategien dir helfen – im Alltag, in der Akutbehandlung und vielleicht auch in der Vorbeugung von Migräne.

Eure Tanja

Kurzportrait

Ich bin Tanja Multinu, Migränikerin und Gesundheitsexpertin
Meine Ausbildungen zur Heilpraktikerin, Physiotherapeutin und Mental Coach helfen mir, den Menschen – und damit auch Schmerzsymptome – als Ganzes zu betrachten.
Das Thema beschäftigte mich schon lange, als ich mit 49 Jahren, zu Beginn der Wechseljahre, selbst Migräne bekam. Seither weiß ich, vor welchen Hürden man als Migränepatient steht und welche Lösungen es gibt.
Vieles lässt sich selbst beeinflussen, aber jeder darf akzeptieren, wenn die Migräne einfach da ist – ohne dass man etwas „falsch“ gemacht hat. Diese Erkenntnis und mein Migränemanagement haben mir sehr viel innere Ruhe geschenkt.

Disclaimer: Bei diesem Beitrag handelt es sich um die persönlichen Erfahrungen der betroffenen Person. Die Aussagen basieren auf individuellen Erlebnissen und stellen keine allgemeingültigen Empfehlungen dar.

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