Eine Frau trägt mit einem blauen Stift etwas in einen Wandkalender ein
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Leben mit Migräne

Ärztliches Gespräch bei Migräne: Wie ich von der stillen Patientin zum Teamplayer wurde

Juni 2026 · Tanja ·

Früher bedeutete ein ärztlicher Termin wegen meiner Migräne fast immer eine Attacke. Nicht danach – sondern dadurch. Der Termin selbst war ein Auslöser. Heute weiß ich, warum. Und ich weiß, wie ich das geändert habe.

Ich schämte mich. Ich musste wieder erzählen, dass es mir trotz neuem Medikament immer noch nicht besser geht. Ich bin Therapeutin und Heilpraktikerin – ich sollte doch alles im Griff haben. Klingt absurd, oder? Kennst du das auch?

Migräne: Scham, Tränen und das Gefühl, zu versagen

Also versuchte ich möglichst locker zu wirken. Entspannt. Dabei brodelte es in mir. Natürlich explodierte dieser Kessel irgendwann. Ich brach in Tränen aus. Und dann kam gleich der nächste Auslöser: das Weinen selbst. Schnell zusammenreißen, Zeit läuft ab, die Ärztin wirkt genervt – und ich versuche in Rekordzeit wieder funktionsfähig zu sein. Wer Migräne kennt, weiß: Das ist ungefähr so sinnvoll wie Benzin auf ein Feuer zu kippen.

Dann vielleicht ein neues Medikament – das auch nicht wirkt. Oder der Ball wird zurückgespielt: „Das müssen Sie schon selbst entscheiden.“ In der Verzweiflung eine solche Entscheidung treffen? Für mich unmöglich. Und ich habe irgendwann verstanden, warum.

Ich schämte mich für meine Erkrankung – mitten in einem Gespräch, das mir helfen sollte.
Migränepatientin Tanja

Stress im ärztlichen Termin erschwert klares Denken

Was passiert eigentlich, wenn wir völlig aufgewühlt zum ärztlichen Gespräch gehen? Unser Nervensystem schaltet in den Alarmmodus – der Sympathikus übernimmt. Das ist dieselbe Reaktion wie bei einer echten Bedrohung: Fight, Flight, Freeze. Der Körper meint es gut. Aber er unterscheidet nicht zwischen einem Säbelzahntiger und einer Arztpraxis.

Was das konkret bedeutet: Im Stressmodus ist unser präfrontaler Kortex – also der Teil des Gehirns, der für klares Denken, Analyse und Kreativität zuständig ist – schlicht nicht in Topform. Wir reagieren, statt zu denken. Wir fühlen, statt zu strukturieren. Wir kommen raus und haben die Hälfte vergessen.

Dabei brauchen wir genau diesen klaren Kopf. Denn nur, wenn Ärztin und Patientin gemeinsam ruhig denken können, entstehen kreative Lösungen. Die Frage, die vielleicht alles verändert. Die Idee, die noch nicht auf dem Tisch lag. Das passiert nicht im Stressmodus – das passiert, wenn wir einigermaßen in unserer Mitte sind.

Exkurs
Warum Stress uns die Sprache verschlägt

Wenn der Sympathikus hochfeuert, wird Blut aus dem Frontalhirn umgeleitet – hin zu Muskeln und Überlebenszentren. Das ist evolutionär sinnvoll für den Sprint vor dem Löwen. Für ein strukturiertes Arztgespräch eher weniger. Der Parasympathikus – unser Ruhenerv – bringt uns wieder ins Denken. Und den können wir aktiv aktivieren.

Migräne: So gehst du selbstbewusst in den Termin

Das Wartezimmer ist mehr als eine Wartezone. Es ist deine letzte Chance, das Nervensystem vor dem Gespräch noch einmal zu beruhigen. Ich nutze diese Zeit bewusst – und ich empfehle es allen.

Box-Atmung im Wartezimmer
4 Sekunden einatmen, 4 halten, 4 ausatmen, 4 halten – und wiederholen. Klingt unspektakulär. Wirkt aber direkt auf den Vagusnerv und senkt den Cortisolspiegel. Zwei bis drei Minuten reichen, um spürbar ruhiger zu werden. Niemand sieht es. Alle denken, du schaust entspannt aufs Handy.

Den Blick auf gute Tage richten
Unser Gehirn geht ins Gespräch mit dem, womit wir es vorher gefüttert haben. Wer im Wartezimmer die schlimmsten Attacken der letzten Wochen Revue passieren lässt, betritt das Zimmer bereits im Alarmzustand. Stattdessen: Welche Tage liefen gut? Was hat funktioniert? Das ist kein positives Denken um des Denkens willen – das schafft Raum zwischen dir und dem Leid. Und genau diesen Raum brauchen wir.

Wenn noch Zeit ist: Ein Spaziergang vorher
Bilaterale Bewegung – also das Wechseln von links und rechts beim Gehen – ist eine der einfachsten Methoden, das Nervensystem zu regulieren. Zehn Minuten Spaziergang vor dem Termin können mehr bewirken als du denkst. Nicht wegen der Bewegung allein – sondern weil der Rhythmus das Gehirn aus dem Tunnelblick holt.

Kopfschmerztagebuch, Fragen, Fakten: Was du mitbringen solltest

Körper beruhigt, Kopf klar – jetzt kommt die Struktur. Die Basis meiner Vorbereitung ist mein digitaler Migränekalender bzw. Kopfschmerztagebuch. Den führe ich konsequent: Hatte ich eine Migräneattacke? Wie stark war sie? Welche Medikamente habe ich genommen? Das klingt nach Buchhaltung. Ist es auch – aber die wertvollste, die ich je gemacht habe.

Denn so behalte ich immer den Überblick, wie viele Medikamententage ich im Monat hatte. Das ist für mich entscheidend: Zu viele Akutmedikamente können selbst zum Auslöser werden – ein Teufelskreis, den man nur erkennt, wenn man ihn schwarz auf weiß vor sich hat. Mein Kalender gibt mir diese Kontrolle zurück. Und er gibt meiner Ärztin eine ehrliche Grundlage.

Was ich inzwischen mache und wirklich empfehle: Ich schicke meinen Kalender vor dem Termin direkt an die Praxis. So kommt meine Ärztin nicht kalt in das Gespräch – sie hat bereits einen Überblick über meine Migränetage und Schmerzmitteltage. Das spart Zeit. Und es verändert die Qualität des Gesprächs sofort.

Am Abend vor dem Termin ergänze ich dann noch einen handgeschriebenen Zettel. Nicht um meine Verzweiflung zu sortieren, sondern um meine Fakten zu sortieren. Der Unterschied ist entscheidend.

Bei Migräne den Überblick behalten
Folgende Fragen kannst du dir selbst stellen, bevor du dein Termin beginnt

  • Wie waren die letzten vier Wochen: Hat die Migräne zu meinem Stresslevel gepasst oder nicht?
  • Intensität, Häufigkeit, Dauer der Migräneattacken: hat sich etwas verändert?
  • Kopfschmerzfreie Tage: Wie viele? Wie hat sich mein Körper ohne Schmerzen an diesen Tagen angefühlt?
  • Medikamente: Wie haben sie gewirkt? Welche Nebenwirkungen – und sind sie für mich akzeptabel?
  • Andere Fachärzte: Gibt es neue Erkenntnisse, die für die Migräne relevant sein könnten?
  • Offene Fragen: Blutwerte, Hilfsmittel, Supplements, hormonelle Zusammenhänge?

Ich bespreche nur das, was wir gemeinsam beeinflussen können. Das Klagen und Jammern habe ich mir abgewöhnt – nicht, weil meine Gefühle unwichtig wären, sondern weil ich die Emotionen lieber bei einer Freundin oder meinem Partner lasse. Dort weiß ich, dass ich mich auf die Reaktion verlassen kann – und die Uhr läuft nicht.

Je strukturierter ich ankomme, desto mehr Raum bleibt für echte Lösungen – und manchmal auch für Ideen, die wir beide noch nicht hatten.
Migränepatientin Tanja

So gelingt Kommunikation auf Augenhöhe

Ich habe erlebt, dass sich eine Ärztin hinter ihrem Computer versteckte, mich nie ansah und während des ganzen Gesprächs nur über Krankenkassenregularien sprach. Nicht über mich. Ich bin heute nicht mehr das brave Kind, das sich alles gefallen lässt. Als Patientin und Patient hat man das Recht, als Mensch wahrgenommen zu werden.

Ich habe ihr das gesagt – ruhig, ohne Vorwurf, aber klar: So stelle ich mir Teamarbeit nicht vor. Wir hatten ein klärendes Gespräch. Es wurde danach besser. Die Praxis sofort zu wechseln, macht nicht immer Sinn – aber schweigen auch nicht. Kontinuität hat ihren Wert.

Tipp zum Schluss

Schreib dir vorher alles auf. Atme. Gehe, wenn möglich, kurz spazieren. Und dann geh rein – nicht als Bittsteller, sondern als Teamplayer. Du bist Expertin oder Experte für deinen eigenen Körper. Die Ärztin oder der Arzt hat die Expertise für Medizin. Zusammen seid ihr unschlagbar.

Alles Liebe, eure Tanja

Kurzportrait

Ich bin Tanja Multinu, Migränikerin und Gesundheitsexpertin
Meine Ausbildungen zur Heilpraktikerin, Physiotherapeutin und Mental Coach helfen mir, den Menschen – und damit auch Schmerzsymptome – als Ganzes zu betrachten.
Das Thema beschäftigte mich schon lange, als ich mit 49 Jahren, zu Beginn der Wechseljahre, selbst Migräne bekam. Seither weiß ich, vor welchen Hürden man als Migränepatient steht und welche Lösungen es gibt.
Vieles lässt sich selbst beeinflussen, aber jeder darf akzeptieren, wenn die Migräne einfach da ist – ohne dass man etwas „falsch“ gemacht hat. Diese Erkenntnis und mein Migränemanagement haben mir sehr viel innere Ruhe geschenkt.

Disclaimer: Bei diesem Beitrag handelt es sich um die persönlichen Erfahrungen der betroffenen Person. Die Aussagen basieren auf individuellen Erlebnissen und stellen keine allgemeingültigen Empfehlungen dar.

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