Migräne im Job: Warum ich meinen Arbeitsalltag verändern musste
Mein Wecker klingelt und ich merke schon beim Aufstehen, dass sich mein Körper heute komisch anfühlt. So, als würde ein Gewitter aufziehen. Kann also gut sein, dass später eine Migräneattacke kommt. Ich arbeite als Redakteurin bei einem Fernsehsender und habe an diesem Dienstag einen wichtigen Dreh. Wenn ich mich krankmelde, müsste entweder ein Kollege für mich einspringen oder ich müsste den Dreh je nach Personalsituation absagen und verschieben. Meine Interviewpartner freuen sich aber schon seit Wochen auf diesen Tag. Ich entscheide mich dafür, zur Arbeit zu gehen. Gegen Nachmittag merke ich, wie die Attacke kommt. Dass ich an diesem Tag irgendwie funktionieren konnte, bezahle ich nach Feierabend. Denn da liege ich dann im abgedunkelten Zimmer und warte, bis das Gewitter vorüberzieht.
Arbeiten mit Migräne: Wenn Job und Erkrankung nicht zusammenpassen
Migräne und Job sind oft wie zwei verschiedene Paar Schuhe. Der eine ist blau, der andere rot, der eine in Größe 37, der andere in Größe 44. Sie passen oft nicht zusammen. Ich arbeite seit knapp drei Jahren in Vollzeit. Mein Arbeitsalltag sieht so aus: 40 Stunden die Woche, fast jeden Tag auf Dreh, den Rest der Zeit in einem Großraumbüro am Recherchieren oder Beiträge schneiden. Viele Reize und viel Neues.
Versteht mich nicht falsch: Ich liebe meinen Job, ich liebe es, Menschen eine Stimme zu geben und deren Geschichten zu erzählen. Die Bedingungen drumherum waren aber gerade am Anfang ungewohnt und hart für mich. Dementsprechend verschlechterte sich auch meine Migräne in den ersten Monaten nach Jobantritt. 2024 wurde sie dann richtig schlimm. Frustration, Wut, Einsamkeit und Verzweiflung standen an der Tagesordnung.
Warum ziehen mir diese 40 Stunden pro Woche so viel Energie?
Wie soll ich das Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr schaffen?
Fragen, die in mir nur noch mehr Druck und Stress erzeugt und damit meine Migräne gefüttert haben.
Migräne am Arbeitsplatz: Was ich an meinen Arbeitsbedingungen geändert habe
Irgendwann hat es dann Klick gemacht. Ich wollte wieder selbstbestimmter leben und vor allem keine Marionette mehr sein, die von ihrer Migräne und ihrer Arbeit gesteuert wird. Ich habe für mich beschlossen: Wenn ich nichts ändere, dann kann es nicht besser werden. Ja, die Arbeit ist ein Teil meines Lebens. Aber sie ist nur eine Säule von vielen. Seither habe ich daran gearbeitet, wovon und in welchem Ausmaß ich mich von Dingen stressen lasse. Ich habe mich darum gekümmert, einen Tag die Woche im Homeoffice arbeiten zu können. Wenn eine Attacke kommt, ziehe ich mich in ein kleineres Büro mit weniger Lärm zurück. Ich nehme mir unter der Woche abends außer mal einer Runde Yoga oder Kochen mit einer Freundin nicht viel vor – weil ich weiß, dass meine Ressourcen nach der Arbeit schon recht aufgebraucht sind.
Migräne dem Arbeitgeber und den Kollegen mitteilen – oder lieber nicht?
Ich weiß noch, dass ich meine Migräne am Anfang unsichtbar machen wollte. Ich wollte nicht die chronisch kranke Kollegin sein. Ich hatte Angst vor Unverständnis und Verurteilung. Irgendwann habe ich angefangen, es erst einmal nur engeren Kollegen zu erzählen. Zum Glück haben sie mir nur Verständnis und Mitgefühl entgegengebracht. Dann habe ich es meinem Arbeitgeber kommuniziert und schließlich auch allen anderen Kollegen.
Die Reaktionen waren größtenteils echt positiv. Das tat mir insofern gut, als dass ich seither nicht mehr das Gefühl habe, etwas verstecken zu müssen. Mittlerweile fällt es mir auch leichter zu sagen, wenn eine Attacke kommt. Meine Chefin und ich schauen dann tagesabhängig nach einer Lösung (dass ich zum Beispiel früher heimgehe oder am nächsten Tag im Homeoffice arbeite). Trotzdem fällt es mir immer noch schwer, mich komplett krankzumelden – es ist ein innerer Zwiespalt zwischen „Ich möchte die anderen nicht im Stich lassen“ und „Wenn ich heute arbeite, leide ich, ziehe die Attacke in die Länge und habe keine Zeit für Erholung“. Daran möchte ich unbedingt arbeiten.
Was ich dabei oft vergesse: Mein Gehirn ist, zumindest in Zeiten, in denen ich keine Attacke habe, besonders leistungs- und aufnahmefähig. Ich bin dank meines Gehirns super strukturiert und kann To-do-Listen schnell abhaken. Das möchte ich mir zukünftig öfter in Erinnerung rufen, gerade wenn ich mich mit anderen Kollegen vergleiche.
Mit vertrauten Kollegen und später auch mit meinem Arbeitgeber über meine Migräne zu sprechen, hat mir vieles erleichtert. Heute suchen meine Chefin und ich bei einer Attacke gemeinsam nach einer Lösung, die zur Situation passt.
Berufliche Veränderungen mit Migräne: Warum ich mich selbstständig mache
Eine Entscheidung habe ich erst neulich getroffen, auf die bin ich besonders stolz. Weil ich sie für mich und meine Gesundheit getroffen habe. Ich habe gekündigt. Ab November werde ich selbstständig als Journalistin und Moderatorin arbeiten. Ich werde mir meine Arbeitszeiten und meine Termine selbst einteilen können – so, wie es mir je nach Tagesverfassung guttut. Auch wenn das zukünftig mehr Risiko bedeutet, fühlt es sich gut an. Weil ich hingehört habe. Weil ich erkannt habe, dass ich diese Arbeitsbedingungen nicht ertragen muss.
Was ich damit sagen will: In meinen Augen ist das Thema „Migräne und Job“ keine Einbahnstraße – egal ob weniger Stunden, neue Stelle, Quereinstieg oder Selbstständigkeit. Belastbarkeit, Bedürfnisse und Grenzen dürfen sich verändern und dementsprechend darfst Du Dein Leben neu ausrichten. Am Ende ist es mir nämlich wichtiger, einen schmerzfreien Tag gehabt zu haben, als dass irgendwer mir eine imaginäre Medaille fürs „Sich-zur-Arbeit-Schleppen“ verleiht. Das ist es mir nicht mehr wert.
Eure Leonie
Disclaimer: Bei diesem Beitrag handelt es sich um die persönlichen Erfahrungen der betroffenen Person. Die Aussagen basieren auf individuellen Erlebnissen und stellen keine allgemeingültigen Empfehlungen dar.
Das könnte dich auch interessieren
-
Migräneattacke: Ausfallen oder weitermachen?
-
Migräneattacke: Wann deine Akuttherapie ein Update brauchen könnte
-
Migräne behandeln – das ist mehr als Medikamente einnehmen!
DE-NEUM-260156