Migräneversorgung verbessern: Warum das Arztgespräch so wichtig ist
Dr. med. Jan-Eric Ensslin, Facharzt für Anästhesiologie und Spezielle Schmerztherapie sowie DMKG-zertifizierter Kopfschmerzexperte, erklärt im Interview, wo er die größten Versorgungslücken sieht und warum eine gute Vorbereitung auf das Arztgespräch entscheidend sein kann.
Versorgungslücken bei Migräne erkennen
Wo liegen die größten Lücken in der Migräneversorgung? Welche Betroffenen werden bisher nicht ausreichend erreicht?
Eine der größten Versorgungslücken sehe ich bei den Menschen, die mit ihrer Migräne überhaupt nicht in der ärztlichen Versorgung ankommen. Wir haben eine große Dunkelziffer an Betroffenen, die ihre Attacken ausschließlich selbst behandeln – häufig mit frei verkäuflichen Schmerzmitteln. Hier sehe ich eine erhebliche Unterversorgung.
Eine weitere Lücke besteht aber auch innerhalb der ärztlichen Versorgung.
Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung – und noch immer fehlt teilweise das Wissen über die Erkrankung selbst und über die heute verfügbaren Therapiemöglichkeiten. Das kann dazu führen, dass eine Migräne nicht oder zu spät erkannt wird oder moderne Therapieoptionen gar nicht erst in Betracht gezogen werden.
Wir müssen deshalb beides erreichen: Betroffene früher in die ärztliche Versorgung bringen – und gleichzeitig das Wissen über Migräne und ihre Behandlung weiter verbessern.
Gut vorbereitet ins Arztgespräch
Wie hilft eine gute Vorbereitung auf das Arztgespräch, zum Beispiel mit MIDAS oder einem Tagebuch?
Natürlich ist es wichtig zu wissen, wie viele Migränetage ein Patient im Monat hat. Aber die reine Anzahl der Attacken erzählt uns nicht die ganze Geschichte. Mindestens genauso wichtig sind die Fragen:
- Wie stark schränkt mich die Migräne in meinem täglichen Leben tatsächlich ein?
- Kann ich arbeiten?
- Kann ich meinen familiären Verpflichtungen nachkommen?
- Muss ich Freizeitaktivitäten oder Sport absagen?
- Und wie viele Tage funktionieren vielleicht noch – aber nur deutlich eingeschränkt?
Genau hier helfen ein Kopfschmerztagebuch und Instrumente wie der MIDAS-Test.
Sie erfassen nicht nur die Häufigkeit der Migräne, sondern machen auch deren tatsächliche Belastung im Alltag sichtbar.
Warum im Arztgespräch nicht nur die Zahl der Migränetage zählt
Dr. Ensslin erklärt im Video, welche Informationen helfen können, die tatsächliche Belastung durch Migräne sichtbar zu machen – und warum sie für die gemeinsame Therapieentscheidung wichtig sind.
Und genau diese Informationen brauchen wir, um gemeinsam eine Therapie zu wählen, die nicht nur die Zahl der Migränetage reduziert, sondern dem Patienten auch Lebensqualität zurückgibt.
Die passende Migränetherapie finden
Welche Kriterien sind wichtig, um eine medizinisch passende Migränetherapie zu wählen?
Für mich gilt bei der Migränetherapie ein wichtiger Grundsatz: So effektiv wie nötig – und dabei so wenig belastend wie möglich.
Natürlich muss eine Therapie wirksam sein. Aber genauso entscheidend ist, dass sie gut verträglich ist, zum Patienten passt und langfristig fortgeführt werden kann. Denn wir wissen aus Studien, dass gerade bei klassischen oralen Migräneprophylaktika die Abbruchraten hoch sein können – und dass Nebenwirkungen dabei ein wesentlicher Abbruchgrund sind. Deshalb müssen wir bei der Therapieentscheidung immer beides betrachten: Wirksamkeit und Verträglichkeit.
Daneben spielen natürlich die Häufigkeit und Schwere der Migräne, Begleiterkrankungen, bisherige Therapieversuche und die individuellen Bedürfnisse des Patienten eine wichtige Rolle.
Am Ende geht es nicht darum, möglichst viel zu behandeln. Es geht darum, die Therapie zu finden, die ausreichend effektiv ist, möglichst wenig belastet – und die der Patient auch langfristig fortführen kann.
Jan Ensslin
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