Wenn Migräne Beziehungen verändert
Wie ich mich immer mehr zurückzog
Über die Jahre wurde meine Migräne immer schlimmer und ich in meinen eigenen Augen immer unausstehlicher. Ich war irgendwann selbst genervt von mir. Heute weiß ich, ich konnte damals einfach nicht anders. Doch das habe ich erst im Nachhinein verstanden.
Je stärker die Migräne wurde, desto mehr veränderte sich mein Verhalten. Ich wurde empfindlicher gegenüber Geräuschen, Gerüchen und Licht. Dazu kamen Sehstörungen, Schwindel und eine permanente Reizüberflutung.
Früher war ich eine absolute Partymaus. Ich musste überall dabei sein, liebte Menschen, Musik, Feiern und lange Nächte. Ich komme vom Dorf, natürlich wurde da ordentlich gefeiert.
Wenn bei Migräne selbst Kleinigkeiten zu viel werden
Mit der Zeit konnte ich keinen Lärm mehr ertragen. Keine laute Musik, kein Stimmengewirr, kein intensives Parfüm. Selbst Mundgeruch anderer Menschen kann bei mir mittlerweile Kopfschmerzen oder Migräne auslösen.
Es wurde so schlimm, dass ich mich Stück für Stück zurückgezogen habe. Ich sagte Verabredungen ab und konnte oft nicht einmal erklären, warum. Ich brachte die Worte einfach nicht heraus. Vielleicht auch, weil ich selbst so lange nicht wahrhaben wollte, wie schlecht es mir wirklich ging.
Wenn ich sagte: „Mir geht es nicht gut, ich bleibe wegen Kopfschmerzen zu Hause“, fühlte ich mich schnell unverstanden. Ob das tatsächlich so war, kann ich heute gar nicht mehr sicher sagen. Aber in meiner Wahrnehmung war es so, vermutlich weil ich selbst innerlich noch dagegen angekämpft habe.
Denn eigentlich war ich doch immer die, die organisiert, geplant und Menschen zusammengebracht hat. Die, die mitten im Leben stand.
Wie Migräne mich verändert hat
Mein ganzes Wesen hat sich verändert: Ich zog mich zurück, wurde abweisend und entwickelte teilweise eine regelrechte Aggression gegenüber anderen Menschen. Für Außenstehende ist das wahrscheinlich schwer nachvollziehbar. Für mich selbst war es das lange Zeit auch.
Die Menschen, die trotz Migräne geblieben sind
Mein Partner war damals sehr verständnisvoll. Wir hatten die Möglichkeit, mit dem Boot rauszufahren und das war für mich wie ein kleiner Zufluchtsort. Keine Gerüche, kein Lärm, einfach Ruhe. Diese Momente haben mir unglaublich gutgetan.
Meine Familie ist klein, und besonders meine Mutter hat mich oft leiden sehen. Deshalb hatte sie großes Verständnis für meine Situation. Trotzdem war es sicherlich auch für sie schwer, mitzuerleben, wie sich mein Wesen immer weiter verändert hat.
Bei Freundschaften wurde es komplizierter.
Auf meiner „Migränereise“ habe ich einige Menschen verloren. Da waren gemeinsam gebuchte Konzerte, die ich manchmal zwei Stunden vorher absagen musste. Partys, auf denen ich plötzlich fehlte. Gemeinsame Serienabende, die für mich irgendwann einfach zu anstrengend wurden, weil ständig die Angst vor der nächsten Migräneattacke im Hintergrund war.
Eine Freundschaft, die alle Migräneattacken überstanden hat
Und dennoch, manche Menschen sind geblieben: besonders meine beste Freundin Tatjana.
Sie ist vermutlich der quirligste Mensch auf diesem Planeten, voller Energie, laut, lebendig und bis dahin selbst kaum mit Schmerzen konfrontiert. Höchstens dann, wenn sie mal wieder unfreiwillig über den Fahrradlenker abgestiegen ist.
Auch bei ihr gab es anfangs Unverständnis. Doch wir haben uns nicht verloren. Im Gegenteil, unsere Freundschaft ist daran gewachsen. Heute wissen wir beide, dass uns nichts auseinanderbringen kann.
Mittlerweile kann ich auch viel offener über meine Krankheit sprechen. Ich habe gelernt, sie anzunehmen. Das hat vieles verändert.
Rücksicht ist manchmal die schönste Form von Liebe
Ich werde vermutlich nie wieder die Partymaus sein, die ich einmal war. Aber ich kann wieder für meine Freunde da sein und sie für mich. Ich lasse Menschen wieder näher an mich heran.
In einem vorsichtigen Rahmen gehe ich mittlerweile sogar wieder auf Partys. Ohne Alkohol, mit vielen Pausen und nur dann, wenn ich mich sicher fühle. Viele Menschen in meinem Umfeld wissen inzwischen, dass in meiner Gegenwart besser kein Parfüm getragen werden sollte. Manche gehen selbstverständlich draußen rauchen oder achten auf Kleinigkeiten, ohne dass ich etwas sagen muss.
Und genau das bedeutet mir unglaublich viel.
Dieses Gefühl, trotz Krankheit weiterhin dazuzugehören, ist unbezahlbar. Und vielleicht ist genau das am Ende das Wichtigste: Menschen, die bleiben!
Eure Lena
Disclaimer: Bei diesem Beitrag handelt es sich um die persönlichen Erfahrungen der betroffenen Person. Die Aussagen basieren auf individuellen Erlebnissen und stellen keine allgemeingültigen Empfehlungen dar.
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