10. November 2020

„Glaubt an eure Kinder!“

Die Feststellung „Wir sind eine ganz normale vierköpfige Familie“ bedeutet für Ariane Thiel viel. Denn als Frühchen hatten ihre beiden Kinder einen holprigen Start ins Leben.

„Lange stand auf der Kippe, ob mein Sohn es soweit schafft, dass er überhaupt eine Chance hat, zu überleben“, erinnert sich Ariane Thiel an ihre erste Schwangerschaft. Das Baby kommt schließlich in der 28. Schwangerschaftswoche zur Welt. Drei Jahre später wird ihre Tochter geboren – in der 35. Schwangerschaftswoche und damit ebenfalls zu früh: „Sie konnte schon alleine atmen und ein bisschen alleine trinken. Es sah daher so aus, als würde sie deutlich besser ins Leben starten als ihr Bruder.“ Aber anders als erwartet und absolut untypisch treten zwei Tage nach ihrer Geburt Komplikationen auf; das Mädchen wird auf die Intensivstation verlegt und mehrfach operiert. „Letztlich hatten wir bei beiden Kindern trotz ihres deutlich unterschiedlichen Geburtsalters eine ähnliche Situation, die geprägt war durch ein hohes Maß an intensivmedizinischer Versorgung und dem monatelangen Hoffen und Bangen um das Leben unserer Kinder“, erzählt die zweifache Mutter.

Bis sich ihr Zustand stabilisiert, erleben die Eltern ein Auf und Ab. „Man denkt gerade, jetzt wird alles besser, da kommt ein weiterer Infekt oder ein neuer Einbruch“, blickt Ariane Thiel zurück. „Aber natürlich beginnt man auch Schritt für Schritt, das Kind von der Atemhilfe zu entwöhnen, ihm die Flasche zu geben – und irgendwann geht plötzlich alles ganz schnell. Wir konnten schließlich beide Kinder jeweils zehn Wochen nach ihrer Geburt mit nach Hause nehmen.“

„Unser Kinderarzt hat uns prima begleitet“

Die erste Zeit zu dritt, später zu viert genießen die jungen Eltern sehr. „Es war toll, endlich in den eigenen Familienalltag zu starten, aber zugleich auch beängstigend – fehlte doch der Überwachungsmonitor, der anzeigte, wenn es dem Kind mal nicht so gut ging. Aber mit der Zeit lernt man, dem Mutterinstinkt wieder zu vertrauen. Hilfreich wertet die 39-Jährige aus Rheinbach die Unterstützung durch den Kinderarzt. „Er hat uns eng begleitet und aus unserer Sicht stets die richtigen Entscheidungen getroffen. Auf seinen Rat hin haben wir zum Beispiel beide Kinder für ihren ersten Winter vor dem RS-Virus schützen lassen. Sie haben die entsprechende passive Immunisierung jeweils fünf Monate lang erhalten. Und abgesehen von Kleinigkeiten wie mal einem leichten Infekt sind beide gut durch die kalte Jahreszeit gekommen.“

Heute sind ihre Kinder acht und fünf Jahre alt, ihr Sohn besucht die dritte Klasse einer Grundschule, ihre Tochter den Kindergarten, Ariane Thiel und ihr Mann gehen wieder arbeiten. „Ich bin mit den Kindern zwar etwas häufiger beim Arzt, beide bekommen Ergo- und meine Tochter auch Physiotherapie und für ihr Alter sind beide weiterhin zu klein und zu leicht“, beschreibt sie. Doch das Thema „Frühchen“ stünde längst nicht mehr im Vordergrund. „Unser Alltag ist der einer ganz normalen vierköpfigen Familie.“ Mit der Zeit habe sie auch gelernt, sich nicht verunsichern zu lassen, wenn andere Kinder in manchen Dingen weiter sind. „Jedes Kind hat seine Besonderheiten. Natürlich muss man reagieren, wenn einem etwas auffällt. Aber es braucht alles seine Zeit und ich möchte anderen Frühcheneltern ans Herz legen: ‚Glaubt an eure Kinder und nehmt sie so, wie sie sind.“

„Jede Frühchengeschichte ist besonders“

Über ihre Erlebnisse hat die Rheinländerin ein Buch für Kinder und Eltern geschrieben. „Als mein Sohn sich über die vielen Apparaturen und Schläuche auf seinen Babyfotos sehr erschrocken hat, wollte ich ihm die Frühchenwelt näherbringen. Doch die Bücher, die es dazu gab, waren nicht das, was ich mir vorgestellt hatte.“ Ein Anlass für sie, selbst zur Autorin zu werden. In ihrem Buch „Gekämpft! Geschafft! Niklas erklärt die Frühchen-Welt“ rückt sie die Gefühlswelt der Kinder in den Vordergrund. Neben kindgerechten Informationen und liebevollen Zeichnungen bietet das Buch zudem kleine Mitmachaktionen. Sie sollen Kinder anregen, gemeinsam mit ihren Eltern ihre eigene Geschichte aufzuarbeiten. Denn das weiß Ariane Thiel aus Erfahrung: „Jede Frühchengeschichte ist besonders.“

Laut Bundesverband Das frühgeborene Kind e. V. kommen in Deutschland jährlich rund 60.000 Kinder vor der 37. SSW und damit zu früh zur Welt. Demnach ist eins von elf Neugeborenen ein sogenanntes Frühchen