21. September 2016

„Es hat mich überwältigt, wie intensiv die Offenheit war.“ – Die künstlerische Leiterin Mireille Jautz über ihre Erfahrungen im Kunstworkshop „HCV ins Bild rücken“ (Teil 3)

Die Aktion „HCV ins Bild rücken“ soll Menschen mit Hepatitis C bei einem besseren Umgang mit ihrer Erkrankung helfen. Hier bekommen Betroffene Gelegenheit, bildlich auszudrücken, was häufig nicht in Worte zu fassen ist. Bei den Kunstworkshops können Teilnehmer ihren Gefühlen und Erfahrungen Ausdruck verleihen. Die künstlerische Leitung des Projekts hat Mireille Jautz inne. Die Künstlerin zeichnet gemeinsam mit der Deutschen Leberhilfe e.V. und dem BioPharma-Unternehmen AbbVie Deutschland für die Konzeption und Entwicklung der Workshops verantwortlich. Sie lebt und arbeitet als freie Künstlerin in Wiesbaden. Ihre Arbeitsgebiete sind neben Malerei (Acryl) und Grafik (Federzeichnung) auch Fotografie (Collagen). Wir haben uns mit Mireille Jautz über ihre Arbeit bei den Kunstworkshops unterhalten.

AbbVie Care (AC): Frau Jautz, Sie arbeiten seit 2014 als künstlerische Leiterin des Kunstworkshops „HCV ins Bild rücken“ mit Menschen mit Hepatitis C zusammen. Gab es für Sie auch vor der Aktion Berührungspunkte mit der Erkrankung?

Mireille Jautz (MJ): Auf diese intensive Art war es meine erste Berührung mit dem Thema „Hepatitis C“. Diese intensive Begegnung hat mir auch Einblick gewährt in das große Leid, das mit dieser Erkrankung einhergehen kann. Umso größer ist meine Bewunderung für die Teilnehmer, dass sie sich öffnen und an so einem Kunstprojekt teilnehmen.

AC: Wie sind Sie an die Arbeit herangegangen? Wie bereiten Sie so ein Projekt vor und wie lassen Sie sich auf Thema und Teilnehmer ein?

MJ: Zu Beginn war ich sehr aufgeregt. Vorbereiten ist so eine Sache. Ich finde es wichtiger, dass sich im vorgegebenen Zeitrahmen des Kunstprojekts etwas entwickeln darf. Daher habe ich versucht, sehr zurückhaltend und sensibel vorzugehen. Also eher zu sehen, was von den Teilnehmern kommt, und versucht, sie dort abzuholen. Mittlerweile bekommen die Teilnehmer im Vorfeld auch eine kleine Hausaufgabe und bereiten sich so auf den Workshop vor. So kann man noch einmal persönlicher in das Thema einsteigen. Das ist alles an Vorbereitung. Ansonsten gilt: Antennen auf und abwarten, was da kommt. Es geht immer darum, zu sehen, was auf der anderen Seite ist und wie ich das unterstützen kann.

AC: Bedeutet das, dass die Teilnehmer keinerlei künstlerische Vorkenntnisse mitbringen müssen? Wie groß sind denn die Gruppen, mit denen Sie arbeiten?

MJ: Wir haben derzeit Gruppen mit etwa sechs Teilnehmern. Das ist eine schöne Gruppengröße. Die Teilnehmer können sich im Vorfeld entscheiden, für welche Art von künstlerischem Workshop sie sich interessieren. Es gibt die Möglichkeit, Mosaike zu legen, zu malen, zu zeichnen oder bei mir einen Linoldruck-Workshop zu machen. Die Teilnehmer schauen, was sie interessiert, und reisen dann dementsprechend in die Stadt, in der dieser Workshop angeboten wird. Vorkenntnisse brauchen sie nicht. Dafür werden sie von uns Künstlern unterstützt. Es geht ja hauptsächlich um den gestalterischen Prozess. Und natürlich auch um ein schönes Ergebnis am Ende. Das hat bis jetzt immer hervorragend funktioniert.

AC: Warum ist Kunst Ihrer Meinung nach ein so gutes Medium für chronisch erkrankte Menschen?

MJ: Grundsätzlich denke ich, dass Kunst nicht nur ein gutes Medium für erkrankte Menschen ist, sondern für alle Menschen. Meiner Erfahrung nach, kommt man in eine Art Flow, wenn man sich darauf einlässt. Man konzentriert sich nur noch auf diese eine Aufgabe. So kann man einen Teil des Gehirns, der Gedanken, der Sorgen, einen Teil von dem, was einen im Alltag beschäftigt, abschalten und kommt so zu einer Art inneren Kraft. Man verbindet sich mit seiner eigenen inneren Kraft. Ich erlebe im Rahmen meiner Arbeit immer wieder, welches Selbstbewusstsein das geben kann. Das liegt daran, dass man sich bei diesem Prozess selbst akzeptieren muss. Gefühle und Emotionen werden transportiert und bestärkt. Das habe ich auch im Rahmen der Workshops gesehen. Allein, dass die Teilnehmer in diesem geschützten Rahmen so großes Vertrauen hatten, das hat mich sehr begeistert und überrascht. Es hat mich überwältigt, wie intensiv die Offenheit war. Aufgrund dieser Offenheit konnten die Teilnehmer ganz schnell an ihren Kern kommen. Das haben sie dann, auch im Austausch mit den anderen Teilnehmern, mit der Kunst ausgedrückt.

AC: Gab es auch für Sie etwas, das Sie in den Workshops lernen konnten? Gab es etwas, das Sie für sich mitnehmen konnten?

MJ: Ja! Ich hatte den Eindruck, dass die Teilnehmer in ihrem Leben schon gelernt haben, Hilfe anzunehmen. Sie haben sich von mir und den anderen Künstlern beraten und unterstützen lassen. Damit meine ich, von Herzen unterstützen lassen. Sie haben uns vertraut. Ich fand unglaublich, wie sie von einer eigentlich fremden Person Unterstützung annehmen konnten. Das finde ich für mich in meinem Leben schwierig.

AC: Das klingt nach einer emotionalen und vertrauensvollen Atmosphäre bei den Workshops.

MJ: Ja, absolut. Es war sehr intensiv, konzentriert und ein guter Austausch. Am Ende sind alle sehr erschöpft, aber auch erfüllt. Beim letzten Workshop war eine Teilnehmerin, die gar nicht gehen wollte. Sie war so in ihrer Arbeit gefangen, dass sie sich gar nicht lösen konnte. Einige Teilnehmer wollen auch zu Hause an andere Menschen weitergeben, was sie im Rahmen der Workshops erfahren haben.

AC: Wie kann man den Themenkomplex „Heilung“ konkret umsetzen?

MJ: Sehr individuell. Das kommt darauf an, was die Teilnehmer in ihrem Leben persönlich als Heilung empfinden. Das können Kraftsymbole, religiöse Symbole, Abstrakta, Lebenswege, Collagen aus persönlichen Dingen oder eine Fotografie aus der Vergangenheit sein. Eine Erinnerung an einen Moment, in dem es den Teilnehmern besonders gut ging, oder an ein Ereignis, das Kraft gegeben hat, oder an eine Person, die ihnen Kraft gegeben hat. Das sind kleine, emotionale, stellvertretende Dinge, die ganz persönlich etwas mit dem Teilnehmer zu tun haben und die dann in irgendeiner Art und Weise mit eingearbeitet werden.

AC: Was bedeutet Ihnen persönlich das Projekt „HCV ins Bild rücken“?

MJ: Ich habe ganz große Freude an dieser Arbeit. Dieser intensive Workshop gibt mir viel, weil er so einen Sinn macht. Ich freue mich immer wieder sehr darauf. Toll ist auch, was seit Beginn der Workshops dabei entstanden ist. Nach dem ersten Jahr gab es ja die Wanderausstellung in verschiedenen Städten. Das war alles wunderschön präsentiert und gut durchdacht. Für die Teilnehmer war das eine ganz tolle Bestärkung ihrer Arbeit.

AC: Frau Jautz, wir bedanken uns für dieses Gespräch und wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg für Ihre Arbeit.

Mehr Informationen über Mireille Jautz und ihre Arbeit finden Sie auf der Internetseite der Künstlerin www.kunstexperiment.de.

Kontakt:
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