12. Februar 2018

Hepatitis C: Aufklären und Mut machen

Menschen, die das Hepatitis-C-Virus (HCV) im Blut tragen und Drogen konsumieren, waren früher oftmals von der Behandlung des Virus ausgeschlossen. Seit der Zulassung neuer Behandlungsoptionen besteht auch für Drogengebraucher die Chance auf Heilung. Leider ist das Wissen noch nicht bei allen angekommen und auch nicht alle Ärzte zeigen sich offen, Drogengebraucher überhaupt zu behandeln.

Wie man sich vor Ansteckung mit dem Hepatitis-C-Virus schützen kann und wie die Infektion aktuell behandelt wird, ist deshalb Inhalt einer Schulung, die der Verein für Innovative Drogenselbsthilfe (VISION e. V.) und der JES Bundesverband (Junkies, Ehemalige und Substituierte) gemeinsam mit AbbVie entwickelt hat. 2017 fand die Schulung in drei deutschen Großstädten statt. AbbVie Care News hat mit Marco Jesse, Geschäftsführer von VISION e. V. und Vorstandsmitglied im JES Bundesverband, gesprochen.

AC: Warum ist es notwendig, Menschen, die Drogen nehmen, über die neuen Therapiemöglichkeiten von Hepatitis C aufzuklären?

MJ: Wir sehen in unserer täglichen Arbeit, dass immer noch sehr viele Mythen kursieren und Unwissen rund um die Behandlung von Hepatitis C herrscht. Vieles geht zurück auf reale Erfahrungsberichte – Leidensgeschichten, muss man eher sagen – von Menschen, die sich früher einer interferonhaltigen Therapie unterzogen haben. Im Vergleich zu den neuen Therapien war eine Behandlung damals oft langwierig und meist mit sehr belastenden Nebenwirkungen verbunden. Das schreckt die Betroffenen ab, sich mit ihrer Erkrankung und einer möglichen Therapie auseinanderzusetzen. Wir wollen aufklären und Mut zum Test und zur Behandlung machen.

AC: Wie läuft eine Schulung ab?

MJ: Das Angebot muss niedrigschwellig sein. Daher gehen wir für die Schulung direkt in Szenetreffs. Wir arbeiten dort mit Leuten aus der lokalen Community zusammen, die als Referenten auftreten. Das erhöht das Vertrauen. Eine Schulung dauert nur knapp 30 Minuten. Wir sind den ganzen Tag vor Ort und wiederholen die Schulungen mit immer neuen Teilnehmern. Uns ist der direkte Austausch sehr wichtig: Die Teilnehmer sollen Fragen stellen und von ihren Erfahrungen berichten können. Nach der Schulung verteilen wir Adressen von Ärzten und von Einrichtungen, in denen ein kostenloser Test möglich ist und die bei den nächsten Schritten zur Behandlung unterstützen.

AC: Wie werden die Schulungen von den Besuchern der Szenetreffs angenommen?

MJ: Es ist jedes Mal zäh, die Besucher zur Teilnahme zu bewegen: Viele glauben, gut Bescheid zu wissen oder haben über die Jahre Verdrängungsstrategien entwickelt. Umso überraschter sind sie, wenn sie erfahren, dass sich die Therapie von Hepatitis C in den letzten Jahren grundlegend geändert hat. Wir sehen, dass unsere Inhalte noch ein bis zwei Wochen nach den Schulungen Gesprächsthema bleiben. Für unsere Zielgruppe ist das ein sehr langer Zeitraum. Nach anderen Veranstaltungen ist das Thema schon wenige Stunden später nicht mehr präsent.

AC: Warum ist die Reaktion ausgerechnet bei diesem Thema so positiv?

MJ: Drogenkonsumenten waren von der Behandlung mit alten Therapien ausgeschlossen. Zudem war die Therapie von Hepatitis C früher wenig erfolgsversprechend und meist mit vielen, teilweise schweren Nebenwirkungen verbunden. Die heutigen Behandlungsmöglichkeiten schaffen da ganz neue Perspektiven. Viele Teilnehmer denken nach der Schulung darüber nach, sich behandeln zu lassen, und tauschen sich darüber mit anderen Besuchern der Treffs aus. Trotz des bisherigen Erfolgs bleibt noch viel Aufklärungsarbeit zu tun. Daher werden wir die Schulungen in 2018 in weiteren Städten durchführen.

AC: Was ist außer Aufklärung noch wichtig, damit die Zahl der Menschen, die eine Hepatitis-C-Infektion haben, gesenkt werden kann?

MJ: Es gibt viel zu wenig Ärzte, die Drogengebraucher behandeln wollen. Vor allem Fachärzte sind aufgrund von Vorurteilen oft nicht bereit, ihre Praxis für Drogenkonsumenten zu öffnen. Viele Suchtmediziner sind nicht auf Hepatitis C spezialisiert, daher können sie bei dem Thema oft nur mittelbar unterstützen. Wenn wir Hepatitis C langfristig zurückdrängen wollen, brauchen wir nicht nur mehr Aufklärung in der Community selbst, sondern auch eine bessere Versorgung.

Der Verein VISION e. V. setzt sich seit 1991 für eine akzeptierende Drogenarbeit in Köln ein. Ziel des Vereins ist, mit innovativen Ansätzen und niedrigschwelligen Angeboten, Menschen, die Drogen konsumieren, zu erreichen. Mehr über VISION e. V. finden Sie auf der Homepage.