11. April 2017

Interview mit Prof. Dr. med. Michael Radke (Teil 2)

Im ersten Teil unseres Interviews mit Prof. Dr. med. Michael Radke haben Sie erfahren, wie sich die Möglichkeiten der Diagnostik und Therapie von Kindern und Jugendlichen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) in den vergangenen Jahren verändert haben. Welche Besonderheiten eine CED bei Kindern und Jugendlichen mit sich bringt, lesen Sie im zweiten Teil.

AbbVie Care (AC): Wie unterscheiden sich chronisch-entzündliche Darmerkrankungen bei Kindern in Verlauf oder Auftreten von denen bei Erwachsenen? Gibt es einen Unterschied?

Prof. Radke: Ja und nein. Nein, denn die Symptome sind fast identisch: Bauchschmerzen, Durchfälle, blutige Stühle. Und ja aufgrund der kindspezifischen Situation, die sich durch den Faktor Entwicklung begründet. Eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung bei einem Kind stört nachhaltig eine gesunde und normale Entwicklung. Das betrifft insbesondere die Körpergewichtsentwicklung und die Körperlängenentwicklung. Bedenken Sie auch die ganzen edukativen, also bildungsbezogenen, und sozialen Umfeldfaktoren, die das Kind umgeben. Bei einem Erwachsenen ist das Leben weitgehend geordnet. Ein Kind oder Jugendlicher befindet sich dagegen in einer höchst dynamischen Lebensperiode. In seinem zweiten Lebensjahrzehnt durchläuft ein Mensch eine derartig rasante Entwicklung, wie in seinem späteren Leben nie mehr. Die gesamte Körperstatur, die psychologische Situation und endokrinologischen Regelkreise ändern sich quasi im Zeitraffer. Letztere sind im Körper für die Organisation des Hormonhaushalts zuständig. Sie steuern die Bildung der meisten Hormone und passen sie dem körpereigenen Bedarf an. Wenn man nicht sehr genau beobachtet und rechtzeitig eingreift, bedrohen chronisch-entzündliche Darmerkrankungen diese gesamte Entwicklung nachhaltig. Deswegen sind die Unterschiede nicht so sehr in den Symptomen zu sehen, sondern vielmehr in den Auswirkungen.

AC: Wie nehmen die Kinder das wahr?

Prof. Radke: Das ist eine Frage der personifizierten Medizin. Jeder Mensch ist anders. Und jeder Betroffene hat einen anderen Morbus Crohn. Es gibt nicht den Morbus Crohn. Das hängt sowohl vom Befallsmuster, von der Aggressivität und der Aktivität der Erkrankung als auch vom Erkrankungszeitpunkt ab. Wenn Sie mit fünf Jahren erkranken, ist es beispielsweise erheblich schlimmer als mit 15. Man kann da keine Pauschalaussagen treffen. Es gibt allerdings leider relativ viele jugendliche Patienten, die depressive Züge zeigen. Deswegen müssen wir den Patienten zeigen, dass wir ihnen helfen und die vielfältigen Auswirkungen der Krankheit begrenzen, lindern oder sogar beseitigen. Und, dass wir die negativen Folgen der Erkrankung möglichst schnell in den Griff bekommen, damit sich diese nicht negativ auf die Psyche der Betroffenen auswirkt. Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Mein Ziel ist es, den Grund für depressive Verstimmungen so schnell wie möglich abzustellen. Deswegen setzen wir eine konsequente und zielgerichtete Behandlung bei diesen Erkrankungen ein. Ich sage immer: Der beste Psychologe ist der Doktor, der es schafft, die Krankheit innerhalb weniger Wochen so in Schach zu halten, dass sie de facto nicht mehr bemerkt wird. Das schaffen wir mittlerweile immer häufiger. Nicht bei allen Patienten, aber bei 85 bis 90 Prozent. Bei den übrigen zehn Prozent können wir zumindest in dem Maße helfen, dass die Erkrankung erträglich wird. Aber wir sprechen hier nicht von Husten und Schnupfen, wir sprechen von gravierenden, derzeit leider noch unheilbaren Krankheiten.

AC: Keine chronisch-entzündliche Darmerkrankung ist wie die andere – gibt es auch milde Formen? Wie ist die Bandbreite?

Prof. Radke: Es gibt auch milde Formen. Etwa 40 Prozent aller Erkrankungen sind milde Formen, die mit einem einzigen Medikamentenwirkstoff effektiv behandelt werden können. Diese Patienten können wir mit einer konsequenten Führung gut ambulant betreuen. Weitere 45 Prozent haben eine mittelgradige, moderate Erkrankungsschwere. Sie haben ab und zu einen akuten Schub und werden von Zeit zu Zeit mit einer Ernährungstherapie behandelt. Hier sind konsequente Stuhl-, Blut- und andere Laborkontrollen nötig. Bei Problemen, Unklarheiten oder ggf. neu anstehenden Therapieentscheidungen sind Kontrollendoskopien erforderlich. Die letzten 10 bis 15 Prozent haben es sehr schwer. Sie haben einen aggressiven Krankheitsverlauf und müssen auch des Öfteren stationär, also mit Übernachtungen im Krankenhaus, behandelt werden. In diesen Fällen kommt das gesamte Behandlungsspektrum zum Einsatz. Kurzzeitig kann es notwendig werden, hier auch auf Kortison zurückzugreifen. Zu den wichtigsten Behandlungsoptionen zählen Ernährungstherapie, Immunsuppression, Biologika und gelegentlich Operationen. Uns ist wichtig, dass aus den 45 Prozent mit dem moderaten Verlauf niemand in die Gruppe der schweren Verläufe rutscht. Das kann passieren, wenn man nicht konsequent genug überwacht und behandelt. Und das ist natürlich keine schöne Situation.

AC: Wenn ich als Vater oder Mutter Warnsignale bei meinem Kind feststelle, wie Blässe, Bauchschmerzen, Gelenkbeschwerden oder Leistungsabfall: Ist es wichtig, so schnell wie möglich einen Arzt aufzusuchen und gezielt prüfen zu lassen, ob eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung vorliegt?

Prof. Radke: Richtig, der Zeitfaktor spielt eine ganz entscheidende Rolle. Im Gegensatz zur Erwachsenenmedizin haben wir nicht viel Zeit. Bei einem zwölfjährigen Kind kann ich nicht zwei, drei Jahre lang Medikamente ausprobieren oder eine Unterernährung durch Appetitverlust und andere Auswirkungen der Krankheit zulassen. Damit riskiere ich, dass die Pubertät nicht eintritt oder das Wachstum stehen bleibt. Hier muss die Diagnose schnell erfolgen. Und wenn ich die Diagnose habe und nach einem viertel oder halben Jahr feststelle, die Therapie reicht nicht aus, muss ich gegebenenfalls noch einmal endoskopieren und die Therapie nach den neuen Befunden ausrichten. Bei Kindern mit bekannten Morbus-Crohn-Risikofaktoren muss gleich zu Beginn eine multimodale Therapie einsetzen, d.h. hier werden mehrere Behandlungsverfahren gleichzeitig zur Anwendung gebracht. Deswegen binden wir unsere Patienten sehr eng an unsere Spezialsprechstunde. Wenn ich bei einem Patienten auch nur den leisesten Verdacht habe, dass eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung der Auslöser für seine Beschwerden sein könnte, bekommt er innerhalb von wenigen Tagen einen Untersuchungstermin. Und dann behandeln wir ihn hier in Potsdam oder auch in Rostock umgehend.

AC: Wenn ich nicht in der Nähe von Potsdam oder Rostock wohne und bei meinem Kind einen Verdacht auf CED habe, was würden Sie empfehlen? Wie finde ich einen guten Kinder-Gastroenterologen, der auf CED spezialisiert ist?

Prof. Radke: Da empfehle ich die Website der GPGE (Anm. d. Red.: Gesellschaft für Pädiatrische Gastroenterologie und Ernährung). Da finden Sie eine Landkarte mit Adressen und Telefonnummern von Kinder-Gastroenterologen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Im dritten und letzten Teil unseres Interviews mit Prof. Dr. Michael Radke steht das Thema Transition, also der Übergang vom Kinder-Gastroenterologen zum Gastroenterologen für Erwachsene, im Mittelpunkt.